Kampf um den «American Dream» – Ungleichheit statt Aufstieg: Amerikas Linke sucht neue Antworten

Ein gut bezahlter Job, ein Haus, eine Familie: So haben Generationen von Amerikanerinnen und Amerikanern den amerikanischen Traum beschrieben. Für immer mehr von ihnen ist er genau das – eine Beschreibung aus der Vergangenheit.
Wohneigentum ist für die Mittelschicht kaum mehr finanzierbar. Wer ein Haus kaufen will, muss umgerechnet rund 90’000 Franken im Jahr verdienen – ein durchschnittlicher US-Haushalt kommt auf 72’000. Das Alter beim ersten Eigenheimkauf liegt unterdessen bei vierzig Jahren – ein neuer «Rekord».
Auch der Alltag ist teurer geworden: Die Inflation liegt mit 3.7 Prozent über dem Ziel der US-Notenbank, und der Preis für Benzin war im September so hoch wie in keinem September zuvor. Gleichzeitig geht die Schere weiter auf. Das reichste Prozent der US-Haushalte besitzt fast ein Drittel des gesamten Nettovermögens.
Der amerikanische Traum als «Quelle der Angst»
Michèle Lamont erforscht an der Harvard University, was das mit einer Gesellschaft macht. «Der amerikanische Traum war während des grössten Teils des 20. Jahrhunderts eine Quelle der Hoffnung», sagt die Soziologin im Interview mit SRF. «Heute ist er vor allem eine Quelle der Angst.» Viele hielten den Aufstieg für sich selbst noch für möglich – für die Mehrheit aber nicht mehr.
Es reicht, einen Monat keinen Lohn zu erhalten, und man ist auf der Strasse.
Der Glaube an die Leistungsgesellschaft ist dabei intakt: 95 Prozent der Amerikaner seien überzeugt, dass harte Arbeit zu sozialem Aufstieg führe. Für Lamont ist das ein gefährlicher Trugschluss: «Nach dieser Logik haben es jene, die es nicht schaffen, schlicht nicht verdient.» Das zerstöre deren Gefühl, das eigene Leben in der Hand zu haben: «Sie haben dauernd das Gefühl, zu versagen. Das führt zu sehr viel Angst und psychischen Problemen.»
Obdachlose organisieren sich selbst
In der Innenstadt Portlands im Gliedstaat Oregon wird das sichtbar. Tausende Menschen leben hier auf der Strasse. Einige von ihnen halten diese Strassen sauber – für umgerechnet 17 Franken pro Stunde, organisiert in der Ground Score Association. Die Mehrheit jener, die ohne Wohnung zur Organisation kamen, hat inzwischen wieder eine.
Wie auch Angela McGuire, die heute das Reinigungsprogramm leitet, das Ground Score gemeinsam mit der Stadt betreibt. Seit sechs Jahren lebt sie in einer Holzhütte, ohne Strom und ohne fliessendes Wasser: «Nur schon ein Dach über dem Kopf zu haben, war für mich ein Wendepunkt. Ich möchte nicht mehr zurück auf die Strasse, weil es dort schlicht zu gefährlich ist», sagt sie.
Auf die Strasse geraten sei sie nicht etwa wegen Drogen: «Ich konnte die Miete nicht mehr zahlen. Es reicht, einen Monat keinen Lohn zu erhalten, und man ist auf der Strasse.» Ihr eigener amerikanischer Traum? «Im Moment heisst er einfach: Überleben.»
Wohnpolitik nach Wiener Vorbild
Wie die Stadt mit dem Elend auf der Strasse umgehen soll, ist im Rathaus umstritten. Der demokratische Bürgermeister Keith Wilson lässt Zeltlager von Obdachlosen räumen und die Betroffenen in Notschlafstellen bringen. Stadtrat und Ökonom Mitch Green hält das für den falschen Weg: «Die Leute werden einfach einen Block weiter verschoben – und das Problem ist nicht gelöst.»
Green gehört zu den Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA) – keine eigene Partei, sondern eine Mitgliederorganisation am linken Rand der Demokraten. Ihr bekanntestes Mitglied ist New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. In Portlands zwölfköpfigem Stadtparlament sitzen vier DSA-Mitglieder, mehr als in jeder anderen US-Stadt.
Obdachlosigkeit und die Wohnungsnot der Mittelschicht haben für Green dieselbe Ursache: zu wenig bezahlbare Wohnungen. «In Portland ist es inzwischen sehr schwierig, ein Haus unter 500’000 Dollar zu finden – und das ist viel Geld für einen Portlander», sagt er.
Die Leute haben den Glauben verloren, dass das Zweiparteiensystem den amerikanischen Traum liefert.
Seine Antwort heisst «social housing» – Wohnungsbau nach europäischem Vorbild. «Ich denke an Wien oder Kopenhagen, wo man Wohnraum weitgehend aus dem Markt herausgenommen hat. Wohnen ist dort keine Ware, sondern eine Dienstleistung», sagt Green. Die Miete solle sich nur noch nach den Baukosten richten – und zwar nicht nur für die Ärmsten: «Bezahlbarer Wohnraum sollte für alle da sein.»
Einen ersten Schritt hat Green durchgebracht: Das Stadtparlament verpflichtete das Wohnungsamt, solche Modelle zu prüfen, und bewilligte im April 17.5 Millionen Dollar – für den Kauf von Gewerbeliegenschaften, die zu günstigen Wohnungen umgebaut werden. Wie weit der Weg noch ist, zeigt eine Studie der Stadt Portland: 92 Prozent des Wohnungsbestands sind in privater Hand – in Wien 52 Prozent.
Und der amerikanische Traum? «Als ich jünger war, war das: ein guter Lohn, ein eigenes Haus, eine Familie – all die Vorteile, die frühere Generationen hatten», sagt Green. «Heute heisst er für mich vor allem: die Demokratie sichern.» Dass seine Bewegung landesweit Zulauf habe, lasse sich einfach erklären: «Die Leute haben den Glauben verloren, dass das Zweiparteiensystem den amerikanischen Traum liefert.»
Aus einer Kreuzung wird ein «Dorfplatz»
In Portland geht es nicht nur um den Preis des amerikanischen Traums. Sondern auch darum, was er überhaupt bedeuten soll. Rund acht Kilometer südöstlich des Zentrums ist eine Strassenkreuzung von Hand bemalt, daneben stehen eine Teestation, ein Bücherregal und eine Spielecke.
Die Idee hatte Mark Lakeman 1996. Zurück von einer mehrjährigen Weltreise, sah der Architekt seine Heimatstadt mit anderen Augen: Überall hatte er Plätze gesehen, an denen sich Menschen begegnen – in seinem Quartier keinen einzigen.
Heute kochen hier alle gemeinsam, essen zusammen und später wird getanzt. Danach ist es schwer, sich zu streiten.
Also erklärte er die Kreuzung kurzerhand zur Begegnungszone. Ehrenamtlich und ohne Bewilligung; die Stadt drohte mit Bussen. Heute bewilligt sie solche Installationen automatisch – und subventioniert sie sogar. Aus der Aktion wurde ein rechtlicher Rahmen, den Hunderte Städte übernommen haben: In Portland sind rund 180 Strassenabschnitte bemalt, und die Idee fand Nachahmer von Kanada bis Südkalifornien.
Für Lakeman sind solche Plätze ein Mittel gegen die Polarisierung: «Heute Abend kochen hier alle gemeinsam, essen zusammen und später wird getanzt. Danach ist es schwer, sich zu streiten.» Private Initiativen wie jene in Portland seien etwas tief Amerikanisches, sagt die Harvard-Soziologin Michèle Lamont. Wo der Staat nichts bieten könne, würden sich die Bürger selbst helfen. Eine Tradition, die bis zu den Siedlern zurückreiche – und die sie hoffnungsvoll mache.
Annamieka Hopps bemalt seit fünf Jahren mit ihren Nachbarn die Kreuzung vor ihrem Haus. Die Künstlerin wohnt gleich neben Architekt Mark Lakeman. Gerade organisieren die beiden ein Strassenfest. Sie blicke besorgt in die Zukunft, sagt sie. Hoffnung mache ihr der besondere Zusammenhalt in der Nachbarschaft: «Ich mache mir wirklich Sorgen um Amerika. Der amerikanische Traum bedeutet vielleicht auch, ein bisschen erwachsen zu werden. Zu realisieren, dass wir bald alles verlieren, wenn wir nicht unser eigenes Ego etwas zurückstellen und uns fragen, wie wir alle mit anpacken können.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.