Im Fadenkreuz der Weltpolitik – Gotland kämpft um seine Existenz

Im Fadenkreuz der Weltpolitik Gotland kämpft um seine Existenz
Die grösste Insel der Ostsee wirkt wie ein Magnet. Seit Langem auf Touristen, neuerdings aber auch auf Militärs. Gemeinsam mit der schwedischen Regierung machen diese den gut 60'000 Einwohnerinnen und Einwohnern der Insel das Leben schwer.
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21.08.2026, 18:57
Die Idylle trügt. Doch sie hat dazu beigetragen, dass sich die fünfköpfige Familie Sundberg vor drei Jahren dazu entschloss, das schwedische Festland zu verlassen und im Osten Gotlands ein 42 Hektar grosses Bauerngut mit Weiden, Wald, Gemüsegärten und zahlreichen Liegenschaften zu kaufen. «Wir versprachen uns ein einfacheres Leben und mehr Zeit mit der Familie», erzählt Henrik Sundberg.
Ein Jahr nach dem Umzug nach Gotland trat Schweden in der Folge des russischen Angriffes auf die Ukraine der westlichen Verteidigungsallianz Nato bei.
Dieser Schritt hat das Leben auf der grössten Insel der Ostsee spürbar verändert: So ist etwa die alte Funkanlage in der Nähe des Wohnhauses der Familie Sundberg in eine topmoderne Nato-Überwachungsanlage umgerüstet worden. «In einem Konfliktfall wären wir wohl hier eines der ersten Angriffsziele», räumt Henrik Sundberg ein.
Verteidigung wird aufgerüstet
Tatsächlich hat das Ende der über 200 Jahre anhaltenden Neutralität Schwedens grosse Konsequenzen auf die militärische Rolle und die Aktivitäten auf Gotland: «Wir üben hier nicht mehr einfach die Verteidigung einer Insel, sondern nutzen Gotland gewissermassen auch als Ausgangspunkt für offensive Aktionen», sagt Oberstleutnant Joakim Marklund, der stellvertretende Befehlshaber der schwedischen Streitkräfte, bei einer Stabsübung auf einer breiten Strasse im Inneren der Insel, auf der Militärjets landen und starten können.
In den kommenden Jahren soll die ständige Truppenstärke von heute wenigen Hundert auf 4500 Frauen und Männer aufgestockt werden.
Im Stützpunkt «P18» in Tofta, einige Kilometer südlich von Visby, wurde in diesem Frühjahr ein 8000 Quadratmeter grosses Ausrüstungs- und Logistikzentrum der schwedischen Armee eingeweiht. Noch vor wenigen Jahren diente das Gebiet der Ortsbevölkerung als Naherholungsgebiet mit Wäldern, Seen und Feldern. Jetzt stehen hier riesige Hallen voller Leopard- und schwerer Schützenpanzer.
Die schwedische Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson scheut keine Kosten bei der Wiederaufrüstung Gotlands, das in der neuen geopolitischen Lage mit zunehmenden Spannungen in der Ostsee eine zentrale Lage einnimmt.
Heruntergefahren werden jedoch Investitionen in die zivile Infrastruktur auf der Insel: Dazu gehört das vor bald zwanzig Jahren gegründete «Internationale Zentrum für Lokaldemokratie» (ICLD). Diese global tätige Institution spielte über Jahre eine wichtige Rolle in der schwedischen Aussen- und Entwicklungspolitik.
Einst als eine Art Kompensation für den Abbau der militärischen Aktivitäten auf Gotland nach dem Ende des Kalten Krieges eingerichtet, ist das ICLD heute weltweit tätig: «Wir vernetzen schwedische Gemeinden mit Städten und Gemeinschaften im globalen Süden zur Förderung der Demokratie», berichtet Lilja. Doch nun ist Schluss: «Laut der Regierung in Stockholm hat der lokale demokratische Erfahrungsschatz in Schweden nichts mehr mit der nationalen Strategie für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu tun.» 20 Mitarbeitende in Gotland verlieren ihren Job. Ein weltweites Netzwerk geht verloren.
Kritik an schwedischer Regierung
Für Gotlands höchste Politikerin, Inselpräsidentin Meit Fohlin, sind solche Schliessungen «ein falsches Signal» an die Inselbevölkerung: «Stockholm unterstreicht immer wieder unsere strategische Bedeutung, kümmert sich aber in keiner Weise um uns».
Gotland wird von den Schwedinnen und Schweden wegen des im Sommer oft schönen und trockenen Wetters als Ferieninsel geschätzt. Alleine zwischen Mitte Juni und Mitte August verzeichnet die Insel über eine Million Besucherinnen und Besucher vom Festland. Manche von ihnen besitzen auf Gotland einen Zweitwohnsitz. Ausserhalb der Hauptstadt Visby liegt der Zweitwohnungsanteil bei weit über 50 Prozent aller Häuser und Wohnungen.
Mehr als Hunderttausend Gäste vom Festland reisen alleine in der letzten Juniwoche nach Visby, zum jährlichen Demokratiefestival «Almedalsveckan». Hier geben sich während einer Woche alle, die in der schwedischen Politik Rang und Namen haben, ein Stelldichein. «In diesen Tagen erleben wir die grösste Belastung auf unsere Infrastruktur», sagt Meit Fohlin.
Tatsächlich kämpft die sozialdemokratische Spitzenpolitikerin nicht nur mit den Herausforderungen des Massentourismus, der rasanten Militarisierung und des Abbaus staatlich finanzierter Stellen im zivilen Bereich auf Gotland: «Kürzlich erteilten die nationalen Behörden auch einem deutschen Zementunternehmen eine 30-jährige Lizenz für den Kalkabbau.» Damit wird auf Kosten der Insel Baumaterial für das Festland produziert.
Deutsches Zementunternehmen baut Kalk ab
Den Kalkstein aus dem Tagebruch in Filehejdar im Nordosten Gotlands zum Zementwerk in Slite transportiert der 59 Jahre alte Lastwagenfahrer Erik Fransson. Er begrüsst die Rückkehr des Militärs auf die Insel: «Es ist gut zu wissen, dass wir jetzt wieder besser geschützt sind», sagt der gebürtige Gotländer.
Weniger Freude hat er daran, dass Gotland für die Nato zunehmend zu einem Sprungbrett für Einsätze gegen Osten eingesetzt werden könnte. «Nein, das fühlt sich nicht gut an», sagt Fransson und fügt hinzu: «Dieser Nato-Beitritt kam sehr schnell. Wir hatten als Volk nichts zu sagen.»
Doch solange Russlands Krieg gegen die Ukraine weitergeht und Moskau mit hybriden Angriffen im Ostseeraum für Unruhe sorgt, wird sich die Kritik in Gotland am neuen Kurs der schwedischen Regierung in Grenzen halten.
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