Filmmusik-Guru im Gespräch – Was ist das Geheimnis einer guten Filmmusik, Herr Yared?

Gabriel Yared hat über 120 Kompositionen für Kino- und Fernsehfilme umgesetzt. Der Autodidakt wurde 1997 für den Soundtrack zu «Der englische Patient» mit einem Oscar ausgezeichnet und erhielt nun am Zurich Film Festival den «Career Achievement Award». Im Interview mit SRF-Musikredaktor Jodok Hess spricht er über das Geheimnis guter Filmmusik, seine Zusammenarbeit mit grossen Regisseuren und die Zukunft seines Metiers.
Gabriel Yared
Komponist
Gabriel Yared (*1949 in Beirut) ist ein französischer Komponist libanesischer Herkunft. Der Autodidakt lebt seit den 1970er-Jahren in Frankreich und zählt zu den prägenden Stimmen der internationalen Filmmusik.
Bild: IMAGO / ABACAPRESS
SRF: Im Gegensatz zu anderen Filmen, die ich wieder vergessen habe, sind «L’Amant», «The English Patient», «The Talented Mr. Ripley» oder auch «Das Leben der Anderen» Filme, die mir geblieben sind. Dennoch könnte ich etwa das Thema aus «The English Patient» nicht pfeifen.
Gabriel Yared: Das ist auch schwer zu pfeifen! Ich habe ein paar Themen geschrieben, die man gut pfeifen kann, etwa «Betty Blue». Aber «Der englische Patient» ist schwierig (pfeift das Thema). In den Filmen von Minghella (Anthony, Regisseur, Anm.d.R.), die Sie genannt haben, ist die Musik tatsächlich so etwas wie eine Figur. Sie hat ihre eigene Rolle zu spielen, weil Minghella ihr Raum gegeben hat.
Haben Sie unter Ihren eigenen Werken einen Favoriten?
«Camille Claudel», der Film mit Isabelle Adjani und Gérard Depardieu. Als Adjani mir den Film anbot, studierte ich gerade drei Partituren: «Metamorphosen» von Richard Strauss, «Verklärte Nacht» von Schönberg und den ersten Satz von Mahlers 10. Sinfonie. Das war mein tägliches Brot, ich schaute mir diese Partituren an. Als man mir dann Camille Claudel anbot, war der Film noch nicht geschnitten, es gab vier Stunden gedrehtes Material. Ich sah es mir zweimal an und dachte: Die einzige Musik, die dieser Film verdient, ist eine Musik, beinahe wie «Verklärte Nacht», beinahe wie «Metamorphosen».
Wenn ich die ‹Camille Claudel›-Musik von einem Orchester gespielt höre, sage ich mir immer: Wie habe ich das bloss geschafft?
Ich musste versuchen, diesen Weg einzuschlagen. Das klingt sehr anmassend. Aber ich hatte nicht viel Zeit dafür. Wenn ich die ‹Camille Claudel›-Musik von einem Orchester gespielt höre, sage ich mir immer: Wie habe ich das bloss geschafft?
Für Ihre erste Filmmusik, «Sauve qui peut (la vie)» von Jean-Luc Godard, haben Sie zu arbeiten begonnen, bevor Sie ein einziges Bild gesehen hatten.
Er zeigte mir überhaupt keine Bilder. Er erzählte mir nur diese Geschichte über einen Mann, das dauerte vielleicht zwei Minuten. Dann sagte er noch: «Ich verwende acht Takte aus ‹La Gioconda› von Ponchielli. Ich möchte, dass Sie diese acht Takte variieren, aber sie niemals zitieren, denn ich selbst zitiere sie am Ende des Films.» Worauf ich erwiderte, er solle sich an einen Orchestrator wenden, ich wolle diesen Job nicht machen, und das Treffen verliess.
Als mich Godard später nochmals anrief, sagte ich zu.
Nun bin ich ja Autodidakt, aber nur ein Jahr zuvor hatte ich mich weitergebildet, Kontrapunkt gelernt, wie man variiert, wie man ein Thema versteckt und so weiter, und so dachte ich mir: Vielleicht hat dir das Schicksal diesen Film geschickt. Als mich Godard später nochmals anrief, sagte ich zu.
Sie sind Jurypräsident für die 14. International Film Music Competition. Von rund 150 eingereichten Kompositionen wurden drei ausgewählt, die vom Tonhalle-Orchester Zürich aufgeführt werden. Was hat Ihnen an diesen besonders gefallen?
Die Arbeiten geben mir grosse Hoffnung für die Zukunft der Filmmusik. Ich höre einen Drang zum Erfinden, den Wunsch, wieder thematisch zu arbeiten. Das hat mich sehr gefreut.
Was ist das Geheimnis einer guten Filmmusik?
Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur: wie man miteinander redet, wie man Dinge ausprobiert, wie mutig man dabei ist. Ein Komponist ist ein Verbündeter des Regisseurs.
Das Gespräch führte Jodok Hess.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 1.10.2026, 17:20 Uhr ; hesj/lics
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