Bei Sportlerin tröpfelt es plötzlich – sie ist damit nicht allein

Darum gehts
- Die brasilianische Powerlifterin Renata Touma (27) verliert beim Kreuzheben mit fast 200 Kilo Urin.
- Ihr Video von der Szene in São Paulo hat über eine halbe Million Likes erhalten.
- Laut Studien und Umfragen kommt das unfreiwillige Verlieren von Urin während eines Wettkampfes häufig vor.
- Die Beckenbodenmuskulatur mit speziellen Übungen zu stärken, ist eine Lösung.
Renata Touma will die fast 200 Kilogramm heben und damit ihren persönlichen Rekord übertreffen. Auf der Wettkampfplattform in São Paulo blickt die brasilianische Powerlifterin nach oben, bekreuzigt sich und greift nach der Hantel.
Dann zieht sie. Die Stange löst sich langsam vom Boden, Toumas ganzer Körper zittert vor Anstrengung. Während sie mit dem Gewicht kämpft, verliert sie Urin. Kurz darauf lässt sie die Hantel fallen. Den Versuch kann sie nicht zu Ende bringen.
«Mir ist das schon häufig passiert»
Aufgenommen wurde die Szene beim Pokalwettkampf «Copa SP de Levantamento Terra». Das Video verbreitet sich inzwischen weit über die Powerlifting-Szene hinaus: Seither haben sich die Dinge überschlagen.
Das Video hat mehr als eine halbe Million Likes erhalten und wurde zehntausendfach kommentiert. Die 27-Jährige selbst kommentiere die Szene wie folgt auf Instagram: «Du kannst nicht alles kontrollieren, was passiert. Aber du kannst entscheiden, wie du mit dem umgehst, was in deiner Macht steht.»
Medien weltweit griffen das Verlieren von Urin während des Wettkampfs auf. Der «Spiegel» zum Beispiel. Diesem sagte sie nun, dass in diesem Moment der intraabdominelle Druck, also der Druck in der Bauchhöhle, durch das hohe Gewicht so enorm gewesen sei, dass ihr Beckenboden diesem nicht mehr vollständig entgegenwirken konnte.
Und weiter: «Mir ist das schon häufig passiert, insbesondere bei sehr schweren Lasten.» Touma ist zweifache brasilianische Meisterin, die 2023 für Brasilien bei der WM auf Malta antrat. «Ich bemerke das oft erst im Nachhinein, da ich mich im Moment der Anstrengung ganz auf die Bewegung fokussiere.»
So passiert es
Das Verlieren von Urin während des Wettkampfes ist im Leistungssport ein weitverbreitetes Problem – doch kaum jemand spricht darüber. Respektive lange war das so. Seit ein paar Jahren hat sich das verändert – zumindest ein wenig. Swiss Olympic beschäftigt sich zum Beispiel mit der Thematik.
Auf der Homepage des Schweizer Verbands heisst es: «Es handelt sich dabei um eine sogenannte Belastungsinkontinenz. Diese wird definiert als unwillkürlicher Urinverlust bei körperlicher Anstrengung oder beim Niesen und Husten. Bewegungen mit schneller und hoher Belastung, die einen hohen Druck im Bauchraum entstehen lassen, sind die typischen Auslöser von Belastungsinkontinenz bei Athletinnen.»
Bei maximaler Kraftentwicklung in einem Körpergebiet komme es meist auch zur Erhöhung des Drucks im Bauchraum: «Wenn dieser Druck, der nach unten wirkt, nicht optimal und rechtzeitig durch die Verschlussfunktion um die Harnröhre gedämpft wird, kann Urin abgehen.»
Sehr viele Frauen sind betroffen – Männer eher nicht
Heisst: Es gibt durchaus Sportarten, in denen das unfreiwillige Verlieren von Urin beinahe normal ist – Powerlifting zum Beispiel.
Für eine internationale Studie aus dem Jahr 2021 befragten Forschende 480 Powerlifterinnen, die an Wettkämpfen teilnehmen. 43,9 Prozent von ihnen gaben an, in den drei Monaten vor der Befragung unfreiwillig Urin verloren zu haben. Von den drei Powerlifting-Disziplinen löste Kreuzheben solche Vorfälle am häufigsten aus, Bankdrücken am seltensten.
Aber auch Swiss Olympic hat im Frühling 2021 eine Umfrage mit den Schweizer Elite-Athletinnen durchgeführt, um Daten über spezifisch weibliche Themen, die für Training und Leistung relevant sind, zu erheben. Auch hier war die Inkontinenz ein Thema. Von den befragten Athletinnen gaben damals knapp 20 Prozent an, unfreiwillig Urin zu verlieren. Mehr als 90 Prozent der betroffenen Athletinnen litten seit mindestens 6 Monaten an Belastungsinkontinenz, 28 Prozent sogar seit mehr als 4 Jahren.
Gemäss der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft zufolge sind in manchen Sportarten sogar bis zu 80 Prozent der Frauen von dem Problem betroffen. Wichtig: Männer klagen laut der Kontinenz-Gesellschaft sehr selten über Inkontinenz beim Sport, denn ihre Muskulatur ist kräftiger als die von Frauen und sie verfügen über einen andere Schliessmechanismen der Harnröhre.
Hilfe gibt es
Und was hilft dagegen? Die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft rät Sportlerinnen, ihre Beckenbodenmuskulatur mit speziellen Übungen zu stärken. «Am besten werden diese Übungen als feste Bestandteile in den Trainingsplan integriert – abgestimmt auf die jeweilige Sportart, versteht sich», so der Ratschlag.
Touma selbst sagte dem «Spiegel»: «Spezielle Beckenbodenübungen gehörten bislang nicht zu meinem Training.» Sie habe nicht das Gefühl, dass Trainern das Problem bewusst sei. Aber: «Den Mechanismus dahinter zu verstehen, hilft mir, mich nicht zu schämen.»
Darum wurde das Kommentarfeld deaktiviert
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredaktor und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.
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