Paartherapie bei Risotto und Panna cotta

Raus aus der Praxis
Paartherapie bei Risotto und Panna cotta
Mit ihrem Projekt «Luft und Liebe» will das Therapeutenpaar Tamara Altermatt und Beni Brennwald die Hemmschwelle für Paartherapien senken. Ihre Sessions finden nicht in einer Praxis statt, sondern im Alltag. Wir haben eine davon begleitet.
Publiziert: 11:00 Uhr
Aktualisiert: 30.09.2026 um 13:03 Uhr
- «Luft und Liebe»: Gemeinsames Kochen daheim statt Praxisbesuch
- Das Therapeutenpaar Tamara und Beni ist zu Besuch bei Denise und Patrick
- Niedrigere Hemmschwelle durch vertrautes Setting im eigenen Zuhause
Sandra CasaliniRedaktorin
Die Stimmung in der Küche des kleinen Einfamilienhauses am Stadtrand von Zürich ist locker. Denise (45) und Tamara (37) schnippeln Gemüse, Patrick (37) und Beni (41) kümmern sich um die Guacamole für die Vorspeise. Denise erzählt Tamara von ihrem Job als Doula, also einer Geburtsbegleiterin. Beni fragt Patrick, ob er gern kocht. Alles erscheint wie ein gemeinsamer Kochabend unter Freunden.
Die Session endet, wenn der Kaffee getrunken ist
Patricks Antwort auf Benis Frage lässt allerdings erahnen, dass an diesem Abend nicht locker-flockig über Arbeit, Familie und gemeinsame Bekannte geplaudert wird: Früher hätten sowohl er als auch Denise gern gekocht. «Aber mittlerweile ist das Kochen zur Pflicht geworden.» Mit zwei Kindern im Primarschulalter bleibt kaum Zeit als Paar, gemeinsame Aktivitäten wie eben zusammen kochen sind rar geworden. Das möchten Patrick und Denise ändern.
Die beiden waren auch schon in einer konventionellen Paartherapie. «Aber ich glaube, unkonventionelle Dinge funktionieren besser für uns», sagt Denise lachend. So sind sie und ihr Mann auf «Luft und Liebe» gestossen. Die Paar- und Beziehungstherapeuten Tamara Altermatt und Beni Brennwald haben je eine eigene Praxis, sie in St. Gallen, er in Olten SO, privat sind sie ein Liebespaar. Seit etwa einem Jahr bieten sie mit «Luft und Liebe» gemeinsam Paartherapie-Sessions ausserhalb der Praxis an, zum Beispiel bei Waldspaziergängen oder eben bei den Klientinnen und Klienten zu Hause beim gemeinsamen Kochen.
«Das Paar im Umgang miteinander zu erleben, ist so viel aufschlussreicher als in der Praxis», sagt Tamara. Patrick hat frühere Paartherapien als sehr direkt wahrgenommen. «Du sitzt da und bist dann sehr im Fokus, viele Fragen, wenig Bewegung, wenig Raum, um mal durchzuatmen – und nach 60 bis 90 Minuten darfst du gehen. Das Setting hier fühlt sich viel natürlicher an.» Abende wie dieser enden dann, wenn der Kaffee getrunken und alles gesagt ist. Im Durchschnitt nach drei Stunden, es kann aber auch mal länger dauern.
Menschen, nicht nur Fachpersonen
«Ich hoffe auf jemanden, der die richtigen Fragen stellt. Ich bin in der Kommunikation oft vorsichtig. Gerade bei emotionalen Themen überlege ich sehr genau, was ich wie sage. Ich muss sortieren und sage dann manchmal lieber nichts, als auszusprechen, was falsch ankommt», sagt Patrick zu Beni, während dieser einen Tortilla-Chip in die Guacamole tunkt.
Denise wirft ihrem Mann einen Blick zu, redet dann weiter mit Tamara. Es geht um Kommunikation und Wertschätzung. Der Ofen piept, es wird kurz hektisch. Zwar gehts heute Abend nicht primär ums Essen, aber das Ofengemüse und den Risotto anbrennen lassen will dann doch niemand. Während Denise das Gemüse aus dem Ofen holt, deckt Patrick den Tisch. Jeder Handgriff sitzt, die beiden sind ein eingespieltes Team.
«Ihr kennt einander gut und seid sehr achtsam», sagt Tamara, als sie beim Essen zu viert diskutieren. Es geht darum, gewisse Dinge zu hinterfragen und andere einfach mal stehenzulassen, einander neu zu sehen – aber auch darum, sich eigene Räume zurückzuerobern, sowohl als Paar als auch persönlich. Im Familienalltag, in dem der Fokus auf den Kindern liegt, ist das gar nicht so einfach. Die Diskussion am Tisch ist lebhaft, je länger der Abend, desto offener erzählen Denise und Patrick.
«Ich hatte nie das Gefühl, dass uns da zwei Therapeuten ausfragen. Tamara und Beni haben echtes Interesse gezeigt – als Menschen, nicht nur als Fachpersonen», sagt Patrick später. Der Unterschied zu Freunden: Sie bohren weiter, wenn nichts mehr kommt. Sie gehen auch dahin, wo es wehtut. «Wir konnten nicht ausweichen, das war gut», sagt Denise. Genau darum gehe es, meint Tamara: das Paar in die Momente zu begleiten, die schwierig sind, und ihnen dann eine zusätzliche Perspektive anbieten zu können.
Tiefere Hemmschwelle, gerade für Männer
Denise geht in die Küche, um das Dessert zu holen. Es gibt Panna cotta. «Ebenfalls ein Experiment – ich habs zum ersten Mal gemacht», sagt sie lachend. Die Unterbrüche, die durch die Aktivität immer wieder entstehen, empfindet sie nicht als störend. Im Gegenteil: «Wenn ich zwischendurch mal allein in der Küche bin, habe ich die Gelegenheit, zu reflektieren. Dieser Prozess findet bei einer normalen Therapie erst nach dem Termin statt.»
Zum Kaffee gibts noch ein sogenanntes Wrap-up. Es geht dabei um Grenzen, Orientierung, Sicherheit, Individualität. «Kannst du ab jetzt bitte immer so viel reden wie heute?», fragt Denise augenzwinkernd. Patrick grinst. Die Stimmung ist locker. Dass nach dem heutigen Abend nicht einfach alle Probleme vom Tisch sind, ist den Eheleuten bewusst. «Die Theorie ist oft klar, bei der Umsetzung wirds schwieriger», sagt Patrick. Trotzdem hat ihn diese Form von Therapie überzeugt: «Ich glaube, gerade für Männer ist hier die Hemmschwelle viel tiefer, als wenn man in eine Praxis gehen muss. Man bleibt in einer vertrauten Umgebung und hat nicht sofort das Gefühl: Ich sitze jetzt in einer Therapie. Man könnte sich theoretisch jederzeit zurückziehen.»
Das ist Tamara und Beni noch nie passiert: «Wenn wir merken, dass jemand mauert, sprechen wir das an und sind damit schon mitten in den Beziehungsthemen.» Patrick ergänzt: «Am Ende können wir von den beiden ja nur so viel bekommen, wie wir bereit sind, zu geben.» Bei der Verabschiedung sind sich alle vier einig: «Wir können uns gut vorstellen, das zu wiederholen.»
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