Jungprofi im Rampenlicht: Immer schön bodenständig bleiben

Lennart Karl ist ein hochbegabter Fußballer. Stinkreich ist der junge Bayernprofi natürlich auch. Doch wehe, er stellt seinen Reichtum allzu sehr aus!
Foto: Kai Pfaffenbach/reuters
Bayerns Sportvorstand Max Eberl hatte einen neuen Zwischenstand in Sachen Lennart Karl zu vermelden. Er habe wieder ein Gespräch geführt „und Lenny hat großartig reagiert“. Das soll wohl heißen, der 18-Jährige habe Einsicht gezeigt. Oder vielleicht war auch bloß der starke Auftritt gegen Mainz gemeint, den Karl wieder mit einem Tor krönte. Ob dagegen Uli Hoeneß schon das angekündigte „ernste Gespräch“ geführt hatte, das wusste auch Eberl nicht. Wir erfahren es sicher bald. „Junge Spieler brauchen Demut“, so hatte Hoeneß autoritär proklamiert.
Nun muss man schon einige Mühe aufbringen, um noch zu verstehen, worum es in der seit Wochen andauernden Lennart-Karl-Debatte eigentlich geht. Die Bayern-Führungsebene, Karls Berater Michael Ballack, die Bild-Zeitung und unzählige Ex-Profis diskutieren im Ping-Pong über, ja was eigentlich? Dass Karl für einen Jungprofi unschicklich selbstbewusst sei?
Dass seine zwischenzeitliche Leistungsdelle irgendwie damit zusammenhängen könnte, was er bei Instagram postet? Es wird mit jeder Runde schräger. Dann hat Lennart Karl nach seinem Tor gegen Atlético eine „Blabla“-Geste gemacht und das ganze Karussell ging von Neuem los.
Dabei postet Lennart Karl ja gar nicht sonderlich mehr als andere Fußballer. Worum es eigentlich geht, ließ Hoeneß im Frühjahr durchblicken, als er erklärte: „Man muss ja nicht gerade im pinken Anzug im Internet auftauchen. Wir haben aber dasselbe erlebt mit Bastian Schweinsteiger, als er seine Fingernägel schwarz lackierte. Da haben Franz und ich auch eingegriffen.“ Denn Franz und Uli mochten beziehungsweise mögen es gar nicht, wenn Spieler sich zu auffällig kleiden. Demut! Dass gerade die Farbe Pink oder lackierte Nägel für Bluthochdruck sorgen, sagt mehr über den krassen Sexismus im Fußball als über Lennart Karl.
Ähnlich sieht es aus mit dem Rüffel, den die Bayern-Vorderen nun jüngst via Bild aussprachen. Karl zeige sich auf Social Media zu viel in „seinem Privatleben mit seiner Influencer-Freundin Zoe Käppele“. Und solle sich ein Vorbild an Teamkollege Tom Bischof nehmen. Der nämlich halte seine Beziehung mit Scholl-Tochter und Influencerin Josefine konsequent aus der Öffentlichkeit raus. Wo kommen wir denn dahin, wenn bei Social Media die Frau zu sehen ist?
Erzählmaschine im Spätkapitalismus
Neben dem patriarchalen Unterton ist das ein faszinierender Einblick in die Erzählmaschine im Fußball-Spätkapitalismus. Regelmäßig empört man sich in der Branche, wenn Fußballer zu sehr als Lifestyle-Influencer erscheinen. Schon Leroy Sané wurde gern vorgeworfen, er trage zu viel Luxusmode oder treibe sich zu häufig auf der Fashion Week rum. Fußballer sind längst globale Influencer, aber verkörpern sollen sie dabei ein Sechzigerjahre-Ideal des bodenständigen Malochers à la Harry Kane.
Und das ist, woran man sich auch im Fall Lennart Karl wirklich stört: dass er im Netz seinen Reichtum zur Schau stellt. „Glamour-Lifestyle“, so lautete das Wort, das anonyme Bayern-Quellen dem Boulevard flüsterten. Dabei führen bekanntlich alle Fußballstars einen Glamour-Lifestyle, sie sind halt Millionäre. Aber zeigen sollen sie es bloß nicht. Jedenfalls nicht, solange sie noch jung sind und eine Debatte über unverdiente Privilegien droht.
Lennart Karl scheint sich selbst recht wohl zu fühlen in seinem privilegierten Kickerleben
Lennart Karl aber präsentiert sich im Netz mit jener Lust am Reichtum, die der soziale Aufstieg mit sich bringt: Umgeben von sieben Paar sehr teuer aussehenden Schuhen oder in einem Luxushotel inmitten von Taschen einer Luxusmarke, beim Jetski oder im Nobelrestaurant. Man kann sich ein wenig an Franck Ribérys Skandal um das Blattgold-Steak erinnert fühlen. Überreich sein dürfen sie. Aber dabei sollen sie ein Leben vermitteln, das jedem 18-Jährigen sagt: Ich bin wie du. Fußball, Playstation und vielleicht mal Strandurlaub. Hier gibt's nichts zu sehen.
Kein Ursympath
Nun muss man diesen Lennart Karl wahrlich nicht als Ursympathen empfinden. Sein Vibe ist eher der eines Kimmich-artigen Ehrgeizlings. Er findet sich selbst offenbar schon ziemlich super, und kommt er zu wenig zum Zug, gibt es gleich eine saftige Retourkutsche per Torjubel. Aber solange er auf dem Platz wie ein Uhrwerk funktionierte, hat den FC Bayern das ja nicht gestört. Im Gegenteil, einen wie ihn schickte man gern zur Medienarbeit. Endlich mal wieder ein echter Typ.
Nur zu viel Typ soll er dann auch wieder nicht sein. Wie mit dem Teenager umgegangen wird, das sagt viel über das ewige Paradox des Fußballs in seiner Sehnsucht nach echten Typen (oft ein Codewort für toxische Männlichkeit), die aber dann gleich wieder eingehegt werden sollen. Denn zumindest in Deutschland ist der Überreichtum der Kicker gern akzeptiert, aber nur, solange sie Biedermeier spielen.
Lennart Karl scheint das nicht sonderlich zu kümmern. Er hat gut verstanden, dass die Position des Provokateurs in Fußball-Deutschland seit vielen Jahren brachliegt und eine ganze Sportmedienblase darauf gewartet hat, sie zu besetzen. Dass jede neue Aufregung eine Stärkung seiner Brand bedeutet und damit mehr Sneaker für ihn. Solange er Tore schießt, jedenfalls.
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