Swiss möbelt A330 auf – aber warum in Hongkong und nicht hier?

Darum gehts
- Swiss baut in Hongkong ihren ersten A330 für das neue Kabinenkonzept «Swiss Senses» komplett um.
- Bis Mai 2028 sollen alle 14 Flugzeuge der A330-Flotte mit der neuen Kabine ausgestattet sein.
- Über 50 Personen arbeiten gleichzeitig am Umbau – Bauteile kommen aus Nordirland, den USA und der Schweiz.
Von aussen sieht das Swiss-Flugzeug im Hangar aus wie jedes andere. Das ändert sich schlagartig, wenn man durch die Tür läuft. Die Kabine wirkt grösser, als sie ein Passagier je erleben wird. Kein einziger Sitz ist mehr im Flieger, die Bordküche steht komplett leer. Teppiche, Lampen und Wandverkleidungen wurden herausgerissen. Dahinter kommen unzählige Kabel zum Vorschein. «Der Flieger ist jetzt ganz nackt», bringt es Daniel Conde, Technical Support Engineer von Swiss, auf den Punkt.
Das Langstreckenflugzeug mit dem Kennzeichen HB-JHC – in der Aviatik ‹Juliett Hotel Charlie› – steht hier in einem Hangar in Hongkong. Von irgendwoher ist ein Triebwerk zu hören, Menschen sprechen Deutsch, Englisch und Kantonesisch miteinander. Es riecht nach Metall und Chemikalien. Überall im Hangar liegen Flugzeugteile: hier Gepäckfächer – und ist das dort nicht eine Toilettenschüssel?
Warum baut Swiss ihre Flieger in Hongkong um?
Swiss fliegt täglich mit der B777 nach Hongkong – gleich neben dem Flughafen steht Haeco. Seit Langem werden die B777 dort gewartet. Auch beim anstehenden A330 Retrofit will man auf die eingespielte Zusammenarbeit setzen. Swiss-Projektleiter Gunnar Ciernioch erklärt: «Haeco hat viel Erfahrung mit Kabinenumbauten und hat zur gewünschten Zeit die nötigen Hangarkapazitäten frei.»
Mehr Komfort für die Passagiere – dafür weniger Flüge?
Seit dem 20. Juli steht «Juliett Hotel Charlie» nun schon in Hongkong. Es ist das erste von 14 Flugzeugen der A330-Flotte von Swiss, das hier mit dem neuen Kabinenkonzept «Swiss Senses» ausgestattet wird. Von modernen Sitzen über neue Waschräume und Bordküchen bis zu einem neuen Servicekonzept: Swiss will so ihren Gästen auf der Langstrecke künftig noch mehr Luxus bieten. 20 Minuten durfte das Kabinenkonzept im neuen A350 der Swiss bereits im Hangar in Zürich anschauen und auf dem Weg nach Boston testen.
«Bevor hier wieder Passagiere einsteigen, wartet noch jede Menge Arbeit auf uns», sagt Conde, als er die 20-Minuten-Reporterin – ausgerüstet mit Helm und Leuchtweste – durch den leeren Rumpf des A330 führt. Es fühlt sich an wie eine Haustour während eines Totalumbaus.
Bis Mitte November bleibt «Juliett Hotel Charlie» noch in Hongkong. Danach fliegt das Flugzeug wieder um die ganze Welt. Auf welchen Strecken die neue Kabine zuerst zum Einsatz kommt, sei noch nicht bestimmt, sagt Projektleiter Gunnar Ciernioch. Auch, was die Erneuerung der Kabinen von den A330 kostet, will Swiss nicht verraten. «Swiss investiert massiv ins Kundenerlebnis auf der Langstrecke», sagt Ciernioch lediglich.

Nacheinander fliegen nun die A330 nach Hongkong. Bis Mai 2028 sollen alle A330 mit der neuen Kabine ausgestattet sein. Danach folgt die 777-Flotte. Das bedeute aber nicht, dass Swiss künftig weniger Flüge anbieten werde, erklärt Ciernioch. «Wir legen die Kabinenumbauten mit den ohnehin anfallenden Wartungsarbeiten zusammen. Im Winter, wenn generell weniger geflogen wird, können wir sogar zwei Flugzeuge gleichzeitig nach Hongkong schicken.»
«Wie Lego»: So wird der Swiss-A330 umgebaut
In Hongkong wird wortwörtlich Tag und Nacht am Swiss-Flieger gearbeitet, damit er rechtzeitig fertig wird. «Da es sich um einen Prototyp handelt, dauert der erste Flieger normalerweise am längsten», erklärt Conde. «Hinter den Wandverkleidungen treffen wir immer wieder auf Kabel und Leitungen, die so in den Plänen nicht vorgesehen sind. Zeichnungen und Pläne entstehen am PC und stimmen teils nicht 100-prozentig mit dem aktuellen Flugzeug überein. Dann heisst es: umdenken und eine Lösung finden.»
Teilweise arbeiten über 50 Leute gleichzeitig in der Kabine. Das kann schon mal eng werden, erklärt Conde. Als Technical Support Engineer entscheidet er, wie beim Umbau in der Kabine vorgegangen wird, und ist die Schnittstelle zwischen den Teams.
Sitzteile aus Nordirland, Fernseher aus den USA, Teile der Bordküche aus der Schweiz: Für die Kabinenerneuerung – auch «Retrofit» genannt – werden Bauteile aus der ganzen Welt direkt nach Hongkong geschickt. Dort werden sie schliesslich zusammen- und eingebaut. «Es ist ein bisschen wie Lego bauen», erklärt ein Flugzeugmechaniker der 20-Minuten-Redaktorin im Flieger.
Damit die neuen Sitze hineinpassen, müssen die alten zuerst hinaus – und zwar alle durch die Passagiertüre. Je nach Sitz brauche es dafür mehrere Leute, erklärt Conde. «So ein Retrofit ist millimetergenaue Knochenarbeit.»
Einst edle First-Class-Sitze stehen nun dicht aneinandergereiht neben Dutzenden Eco-Sitzen. Im Hangar, ein Stück vom A330 entfernt, steht der sogenannte Friedhof. Hier werden die alten Sitze des A330 gelagert. «Oft werden solche Sitze nach ihrem Leben bei der Airline weiterverkauft, doch das ist hier nicht der Fall», erklärt Ciernioch. Ein passender Abnehmer habe sich nicht finden lassen. «Deshalb werden sie nun fachgerecht entsorgt.»
Was ist dir bei einem Langstreckenflug am wichtigsten?
Selbst beim Feierabendbier geht es um die neue Kabine
Auch am Donnerstagabend um 18 Uhr liegen die Temperaturen in Hongkong noch bei rund 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei über 80 Prozent. Das T-Shirt klebt mittlerweile unangenehm am Rücken. Für Daniel Conde ist der Arbeitstag offiziell bald vorbei. Richtig abschalten könne der gebürtige Basler in Hongkong aber nicht: «Selbst beim Feierabendbier mit Arbeitskollegen kommt es vor, dass jemand fragt: ‹Hast du daran noch gedacht?› oder ‹Was haben wir dort eigentlich entschieden?› Man denkt nur noch an die neue Kabine», erzählt er.
Doch die Vorfreude sei riesig. «Ich weiss, es tönt verrückt, aber das ist jetzt unser Baby», sagt Conde lachend. Das Highlight der ganzen Umgestaltung sei natürlich der Schluss: «Es braucht so viele Stunden Arbeit, so viele Nerven. Wenn der Flieger dann fertig ist und zum ersten Mal abhebt – dieser Moment wird unbeschreiblich.»
Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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