InquirerWATCH: Sara Duterte impeachment trial | Oct. 1, 2026CNN TürkTrump’tan dizel ihracatına yasak sinyali: Benzin fiyatları artabilirThe Jerusalem PostRubio orders Iran UNGA delegation to leave United States following stalled negotiations - reportPunchNigeria @66: Tinubu admits economic hardship, pledges to defeat povertyRTP DesportoCristiano Ronaldo deixa a Seleção NacionalBollywood HungamaAlia Bhatt joins Rami Malek, Sachin Tendulkar and Simone Ashley for a star-studded Earthshot Prize 2026 night in MumbaiХабрТеплицы на автопилоте: свет, шторы и вентиляцияSözcüSchengen ülkesinden bu Türklere vize kolaylığı: Başvurdukları gibi alacaklarSCMP ChinaMaxwell smart: new Chinese embodied model tops global AI ranking on physical tasksDaily MaverickESCAPE: Bangkok, a fever dream in neon and sepia, feeds hungry soulsThe Hollywood ReporterNetflix Spain Adds Films and Docs Curated by Streamer FilminVarietyGarin Nugroho, Mishima Yukiko, Qiu Jiongjiong Titles Among 15 in Tokyo Film Festival Competition
The Daily Newsstand · Free, Always
Thursday, October 1, 2026

«Unsere letzten Worte hatten nichts von kitschigen Liebesfilmen»

Translate
  • 229 Menschen starben, als Swissair-Flug 111 am 2. September 1998 vor der Küste Kanadas abstürzte.
  • Max Stenz, Witwer der Flugbegleiterin Jeannine, berichtet für den neuen Dokumentarfilm vom Verlust und seinem Umgang damit.
  • «111 – Echoes from Halifax» feiert am Zurich Film Festival Premiere – Stenz wird zusammen mit seinen Söhnen dabei sein.

Der schlimmste Moment war, als Max Stenz seinen zwei Söhnen in der Mittagspause erklären musste, dass ihre Mutter bei einem Flugzeugabsturz gestorben war. 28 Jahre ist das her, doch noch heute schiessen ihm die Tränen in die Augen, wenn er vom 3. September 1998 erzählt. Am Tag zuvor war der Swissair-Flug 111 in New York abgehoben.

Stenz erfuhr erst am späten Morgen vom Unglück: Zum Radiohören fehlte ihm die Zeit, die Airline hatte seine Telefonnummer nicht, und so berichtete ihm der Götti eines seiner Kinder vom Absturz. Kurz darauf kamen seine Söhne hungrig von der Schule nachhause. «Bitte entschuldige», sagt Stenz im Gespräch darüber mit 20 Minuten. Er steht vom Küchentisch auf und holt sich ein Taschentuch.

Warum will er über die traumatischste Zeit seines Lebens zu reden? «Meine Söhne haben mich das auch gefragt», sagt der 73-Jährige und lacht. Nun, da kommt dieser Film in die Kinos: «111 – Echoes from Halifax». Der Regisseur, Mauro Mueller, ging in die gleiche Schule wie seine Kinder. Er kontaktierte Stenz, weil dieser den technischen Bericht daheim hatte, der die Absturzursachen detailliert dokumentierte: Zwei Kabel, die Funken schlugen und Material entzündeten, das als nicht brennbar galt.

20 Min

Mueller und Stenz redeten lange und irgendwann fragte der Regisseur, ob er vor dem Kinostart Interviews geben wolle. Stenz sagte zu, aus Respekt gegenüber den Toten, damit ihre Geschichte in Erinnerung bleibt.

Wie gehst du mit Filmen um, die ein reales Unglück so direkt aufgreifen?

«Jeannine war zuverlässig, impulsiv, lebensfreudig»

Mittlerweile hat Stenz weisses Haar, geht gerne in die Berge und kocht passabel. Als er Jeannine kennenlernte, war vieles anders. Der junge Architekt und Musiker war beim Squash versetzt worden – genau wie Jeannine. Stumm sassen die Fremden an der Bar, bis Stenz sie zum Duell forderte. «Sie war die erste Frau, die jedem Ball nachjagte, um zu gewinnen», erinnert er sich.

Nach dem Match wollte er sie wiedersehen, Jeannine hatte als Flugbegleiterin aber keine Zeit für eine Beziehung. Doch je öfter sie die Gummibälle an die Wand donnerten, desto näher kamen sie sich. «Jeannine war zuverlässig, treu, läbig, schön, impulsiv, konnte ausrufen und sie hat mir die Welt gezeigt. Dank ihr esse ich heute Meeresfrüchte und Asiatisches, sie war eine fantastische Köchin, hatte bei der Swissair die Auszeichnung zur ‹Gewürznase› bekommen», erzählt Stenz.

Zu jener Zeit war die First Class im Flugzeug ein Nobelrestaurant über den Wolken und die Flugbegleiterinnen in der Haute Cuisine daheim. Sie bereiteten Roastbeef frisch zu und berieten die Gäste zu den verschiedenen Weinen aus aller Welt. «Ich weiss noch, wie ich Jeannine beim Auswendiglernen half, die Italienischen waren die schwierigsten.»

Als sie Kinder bekamen, war Stenz als selbstständiger Architekt öfter daheim in Adliswil, während sie um die Welt flog. Bevor sie jeweils aufbrach, kochte sie für ihre Familie vor, sodass der ungeübte Stenz ihre Menüs nur noch aufwärmen musste. Die Betreuung ihrer Söhne organisierte das Ehepaar mittels Excel-Tabelle.

Irgendwann waren sie so routiniert, dass sie sich am Morgen voneinander verabschiedeten, als würde sie einem Bürojob in der Gegend nachgehen. So war es wohl auch, als Jeannine das letzte Mal «Tschüss» sagte. «Das Problem bei tödlichen Unfällen ist, dass ich ihr nie sagen konnte, was ich ihr hätte sagen müssen. Unsere letzten Worte hatten nichts von kitschigen Liebesfilmen.»

Eines Tages konnte er sich wieder auf eine Beziehung einlassen

Nach dem Absturz kümmerte sich die Swissair um die vielen Hinterbliebenen. Besonders dankbar ist Stenz dem damaligen Personalchef Matthias Mölleney, weil der ihm auch noch seine Hilfe anbot, als das öffentliche Interesse längst abgeflaut war. Er versprach dem alleinerziehenden Vater jederzeit einen Job bei der Airline. «Ich musste nie auf das Angebot zurückgreifen, doch es gab mir Halt.»

Anfangs half es Stenz, Teil einer grossen Trauergemeinde zu sein. Er besuchte ein paar Abdankungen ohne seine Söhne, «um sie nicht noch mehr zu quälen». Doch irgendwann entwickelte sich die Trauergemeinschaft in einen Verein mit Ausflügen. Witwen und Witwer fanden zusammen. Stenz hingegen nahm Abstand, weil er sich nicht über den Absturz definieren wollte.

Da er sich im Alltag regelmässig unvermittelt in Tränen auflöste und den Namen seines Nachbarn vergass, ging er zu einem Traumatherapeuten. Zweimal ging Stenz zum Psychologen. «Dann sagte ich, wie jeder, der einen Knall hat: ‹Das schaff ich auch alleine›.»

Für Stenz ist es die Pflicht eines Liebenden, dem Hinterbliebenen neues Glück zu wünschen. Jeannine sah das genauso. «Aber das zu wissen und es wirklich zu tun, sind zwei verschiedene Sachen.» In den ersten zehn Jahren nach Jeannines Tod konnte Stenz keine Frau an sich heranlassen. Mit Marlies hat es nun geklappt. Sie hat ebenfalls schon einmal die Liebe ihres Lebens verloren, René. Manchmal beziehen Max Stenz und Marlies die verstorbenen Jeannine und René auf humorvolle Weise ins Gespräch mit ein.

«Marlies ist ähnlich pingelig wie Jeannine es war und ruft, wenn sie meine Unordnung sieht, in Richtung Decke: ‹Jeannine, siehst du das!?›» Stenz wird noch ein paar Mal durchschnaufen müssen. Am Zurich Film Festival findet am Dienstag die Premiere von «111 – Echoes from Halifax» statt, er wird ihr zusammen mit seinen Söhnen beiwohnen. Den Film sah er vorab, seine schlimmsten Befürchtungen blieben aus. Erst ist der Sternenhimmel zu sehen, dann fällt ein Tropfen ins Wasser. Die schlimmste Szene ihres Lebens bleibt Stenz, den Söhnen und dem Publikum erspart.

Der Trailer zum Film «111 – Echoes from Halifax».

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Dario Aeberli

Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».

View the original on 20 Minuten →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.