«Es macht süchtig»: Junge Schweizer sind verrückt nach Rätselbuch

«Es macht einfach süchtig», erklärt Andrea ihre Faszination für Murdoku. Die Zürcherin hat kürzlich ihren Fuss gebrochen und das Rätselbuch als Ablenkung für sich entdeckt. «Eigentlich wollte ich immer nur eines aufs Mal machen – meistens werden es aber drei oder vier», sagt sie gegenüber 20 Minuten. Nach drei Tagen ist sie bereits beim 17. von insgesamt 80 Rätseln.
Beim Murdoku geht es darum, einen Mordfall nach einem Sudoku-ähnlichen Prinzip zu lösen. Besonders schätze Andrea, dass sie beim Rätseln nicht vor einem Bildschirm sitzt. «Murdoku rettet während meiner Genesung gerade meine Hirnzellen», sagt sie. «Ansonsten würde ich nur Netflix schauen und durch Social Media scrollen.»
330 Prozent mehr Verkäufe bei Galaxus
Andrea ist nicht die Einzige, die im Rätselfieber ist: Seit Monaten verbreitet sich das Rätselbuch rasant und hat die Schweiz fest im Griff. Galaxus stellt seit Juni eine deutlich höhere Nachfrage fest. «Im August packte unsere Kundschaft das Murdoku-Fieber vollends: Wir hatten ein Absatzplus von 330 Prozent gegenüber dem Vormonat», so Sprecherin Seraina Cadonau gegenüber 20 Minuten.
Allein dieser eine Monat habe mehr als die Hälfte ihrer bisherigen Jahresverkäufe ausgemacht. Der ganz grosse Run habe letzten Monat etwas abgekühlt, das Verkaufsniveau liegt laut Galaxus aber weiterhin deutlich über jenem der ersten Jahreshälfte.
So löst du ein Murdoku
Bei Murdoku löst du einen Mordfall mithilfe eines Logikrasters. Hinweise verraten dir etwa, welche verdächtige Person sich in welchem Raum oder neben welchem Gegenstand befand. Wie bei Sudoku darf jede Person pro Reihe und Spalte nur einmal vorkommen – durch Ausschliessen und Kombinieren füllst du das Raster Schritt für Schritt, bis am Ende klar ist, wer der Täter oder die Täterin war.
Jung, weiblich und aus der Deutschschweiz: Diese Zielgruppe liebt Murdokus
Der erste Murdoku-Band kostet bei Galaxus 16 Franken. Laut Galaxus sind fast 40 Prozent der Kundschaft zwischen 25 und 34 Jahre alt. Rund die Hälfte ist jünger als 35.
«Die Gen Z ist bei Murdoku im Vergleich zu anderen Rätselbüchern überdurchschnittlich vertreten und scheint dem Rätseln verfallen zu sein», sagt Cadonau. Als Vergleich dienen die Kategorien Rätselspiele und Rätselbücher: «Dort machen die unter 25-Jährigen knapp vier Prozent aus, bei Murdoku sind es mit knapp acht Prozent doppelt so viele.»
Der typische Murdoku-Fan ist weiblich: Laut Galaxus gehen fast drei Viertel der Bücher an Frauen. «Bei der Gen Z unter 25 liegt der Frauenanteil sogar bei 89 Prozent», so Cadonau.
«Regional zeigt sich ein klares Bild: Murdoku verkauft sich vor allem in der Deutschschweiz.» Zürich kaufe anteilmässig an der Bevölkerung mit Abstand am meisten, auch Aargau, St. Gallen und Luzern liegen über dem Schnitt.
Wer steckt hinter Murdoku?
Der kanadische Rätseldesigner Manuel Garand hat Murdoku erfunden. Die Idee kam ihm vor rund sechs Jahren, als er Schiffe-versenken-Logikrätsel mit einem Mordfall kombinierte. «Eines Tages habe ich einfach zum Spass ein Blatt zum Ausdrucken gemacht, auf dem man jeden Verdächtigen am Tatort platzieren musste», erzählt Garand gegenüber dem «Standard». Heute profitiert Murdoku laut ihm auch vom Trend zu analogen Beschäftigungen und von Social Media.
In Schweizer Buchhandlungen zeitweise ausverkauft
Auch Orell Füssli kennt den Trend: «Wir beobachten das Phänomen seit 2025 und erkannten früh, dass der Hype im englischsprachigen Raum auch auf die Schweiz übergreifen könnte», sagt Sprecher Alfredo Schilirò.
Seit der Veröffentlichung des ersten Bandes auf Deutsch im Mai dieses Jahres habe die Nachfrage kontinuierlich zugenommen. «Die Murdoku-Titel gehören inzwischen mit grossem Abstand zu den erfolgreichsten Titeln der Kategorie Hobby.» Diese verzeichne aktuell ein Umsatzplus von rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wozu die Murdokus massgeblich beitragen. Bei Orell Füssli kostet der erste Band 23 Franken.
Wie gross die Nachfrage ist, zeigt auch die Verfügbarkeit: «Murdoku Band 2 war während mehrerer Wochen vergriffen und ist erst seit Kurzem wieder lieferbar», so Schilirò. Auch als 20 Minuten sich die deutsche Ausgabe holen wollte, war sie in einer Zürcher Filiale vergriffen. Als wir sie nach Murdoku fragten, schmunzelte die Verkäuferin – die Bücher seien ein Riesenhype und aktuell vergriffen. Erst bei einem zweiten Besuch konnten wir uns ein Exemplar ergattern.
Auch Murdle hat Suchtpotenzial
Neben Murdokus ziehen auch andere Rätselbücher junge Fans an. Leserin I. (26) aus Winterthur und Leser M. (33) aus Zürich lösen gerne gemeinsam Murdle. Das Buch entdeckten sie zufällig am Flughafen auf dem Weg in die Ferien.
Was ist der Unterschied zwischen Murdoku und Murdle?
Murdoku kombiniert Sudoku mit einem Mordfall: Verdächtige werden anhand von Hinweisen in einem Raster platziert, bis klar ist, wer die Tat begangen hat.
Bei Murdle werden dagegen Verdächtige, Tatorte und Waffen wie bei einem klassischen Logik- oder Cluedo-Rätsel miteinander kombiniert.
«Manche Rätsel finde ich zu einfach. Aber ich finde es spannend, die einzelnen Fälle aufzudecken», sagt die 26-Jährige. Ihr Freund ergänzt: «Da die Rätsel aufeinander aufbauen, hat das Buch ein gewisses Suchtpotenzial, weil man wissen will, wie es weitergeht.» Die beiden lösen die Fälle zusammen und vergleichen dabei ihre Lösungswege.
Dass Rätselbücher gerade bei Jungen gut ankommen, überrascht I. nicht. «In meinem Umfeld lösen viele Sudokus und Kreuzworträtsel. Murdoku und Murdle sind eine noch spannendere Art.»
Redaktorin Laura hasst Sudoku – und wagt sich an Murdoku
Orell Füssli geht davon aus, dass der Boom anhalten wird. Weitere Murdoku-Bände sind angekündigt, gleichzeitig greifen andere Verlage ähnliche Rätselkonzepte auf. «Im November erwarten wir den dritten Band von Murdoku und rechnen auch hier mit einer hohen Nachfrage – insbesondere im Weihnachtsgeschäft», sagt Alfredo Schilirò.
Der Hype um Murdoku hat Redaktorin Laura neugierig gemacht. Der Haken: Sie ist kein Fan von Sudokus – im Gegenteil. Dennoch hat sie das Rätselfieber blitzschnell gepackt und sie löste bereits am ersten Abend vier Murdokus nacheinander. Wenn auch langsamer als so manch erprobter Sudoku- und Logical-Fan.
Bist du selbst dem Murdoku-Hype verfallen? Oder löst du lieber andere Rätsel? Oder kannst du damit gar nichts anfangen?
Laura Zygmunt (lmz) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Lifestyle und schreibt über die Welt des Reisens.
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