Naël (17) spielt dank Bahnhofklavier bald in Pariser Hotel

Darum gehts
- Naël Herren (17) aus Murten FR begeistert regelmässig Pendlerinnen und Pendler an Open Pianos – am Sonntag spielte er im Zürcher Hauptbahnhof.
- Der Jugendliche spielt auswendig und kann keine Noten lesen – er lernt neue Stücke über sein Gehör.
- Im September tritt Naël in einem Viersternehotel in Paris auf – die Einladung erhielt er an einem Open Piano in Bern.
Schon beim Betreten des Zürcher Hauptbahnhofs erklingt am Sonntagmittag ein Klavierspiel. Pendlerinnen und Pendler versammeln sich neugierig um den Treffpunkt. Am Piano, das mitten in der Zürcher Bahnhofshalle steht, sitzt Naël Herren (17) aus Murten im Kanton Freiburg – und begeistert Hunderte Zuhörerinnen und Zuhörer.
Der 17-jährige Banklehrling spielt unbekümmert und mit geschlossenen Augen seine Stücke, die Finger huschen über die Tasten – und Fans von jung bis alt applaudieren, tanzen und wischen sich gar die Tränen aus dem Gesicht.
«Ich kann keine Noten lesen»
Sein Set ist eine wilde Mischung aus Pop, aktuellen Radiosongs und Klassik. Der 17-Jährige improvisiert gerne, macht einen fliessenden Übergang von «Love me again» von John Newman zu Amy Winehouses «Back to Black», zu «Faded» von Alan Walker. Sein Lieblingslied ist «Interstellar».
Die Stücke spielt Naël alle auswendig. «Ich kann keine Noten lesen», sagt er zu 20 Minuten, «das habe ich nie gelernt.» Er habe aber ein relatives oder absolutes Gehör und lerne so neue Stücke. Dabei unterstützt ihn seine tschechische Klavierlehrerin: «Sie versteht, wie ich lerne und spiele, das ist selten und unglaublich wertvoll.» Schon seit er fünf Jahre alt sei, nehme er bei ihr Stunden.

Fans kommen extra für Naël
Angefangen hat alles, als Naël 13 Jahre alt war und sein Klavier auf den Bärenplatz in Bern stellte, um für die Passanten zu spielen: «Mein Vater hielt zu Beginn wenig von der Idee. Doch dann sah er das begeisterte Publikum.»
Heute spielt der Freiburger regelmässig an Open Pianos an SBB-Bahnhöfen in der Schweiz, etwa in Luzern, Bern und Zürich. Sein eigenes Klavier stellt er nach wie vor gerne in der Stadt Bern auf. Mittlerweile hat er schon eigene Fans, die ihm an Auftritte und auf Instagram folgen.
Von Bern nach Paris ins Viersternehotel
2024 gab er sein erstes Solokonzert vor 300 Leuten. Im September wird er in einem Viersternehotel in Paris spielen. Die Einladung dazu erhielt er an einem Open Piano in Bern. «Ein Mann drückte mir seine Visitenkarte in die Hand und meinte, ich solle ihn mal anrufen.»
Und das sei kein Einzelfall: «Durch meine Mini-Auftritte an Open Pianos kriege ich immer wieder Anfragen für Konzerte und Auftritte, auch in Restaurants und Bars.» So lerne er neue Leute und Orte kennen. Im Dezember spiele er etwa am Zauberwald Festival in Lenzerheide GR. «Es ist super.»
«Je mehr Leute, desto besser»
Nervös sei der 17-Jährige eigentlich nie. «Je mehr Leute, desto besser. Das motiviert mich. Ich bin konzentrierter, weil ich keinen Fehler machen darf», sagt er. Er sehe die Mini-Konzerte als «Übung» für seine Auftritte. Geld verlangt er nicht. Manchmal stelle er einen Hut auf, im Vordergrund stehe aber immer seine Begeisterung. «Wenn die Leute Freude haben, habe ich auch Freude.»

In Zürich zu spielen, sei sogar noch etwas toller als in Bern, denn: «Vor internationalem Publikum zu spielen ist besonderes interessant.» Und: «Die Akustik in der Bahnhofshalle ist super, es gibt mehr Zuschauer, mehr Platz, und man hört das Klavier durch den ganzen Bahnhof.»
Den Lärm um ihn herum könne er gut ausblenden. «Ich bin beim Spielen voll in meinem Element.» So schnell bringe ihn nichts aus der Ruhe. Selbst Leute nicht, die tanzen, ihn ansprechen oder ihm Bargeld aufs Klavier legen. «Ich spiele einfach weiter.»
«Jetzt ist meine Zeit»
Mitten im Gespräch mit 20 Minuten wird plötzlich das Klavier wieder frei. «Jetzt ist meine Zeit», sagt Naël und verabschiedet sich rasch. Er setzt sich ans Piano, schliesst die Augen. Es dauert fünf Sekunden, und er ist wieder in seiner Welt.
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