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Sunday, November 8, 2026

Grüner Krieg: Wie sich die Waffenindustrie als nachhaltig verkauft

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Seit Sicherheit im Fokus steht, haben es Rüstungsunternehmen sogar in sogenannte Nachhaltigkeitsfonds geschafft. Was das für grünes Geld bedeutet.

Hans Christoph Atzpodien versteht sein Geschäft. Mit dem Slogan „Sicherheit ist die Mutter aller Nachhaltigkeit“ wirbt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie seit Jahren für die Rüstungsindustrie. Der Take: Wenn Deutschland und Europa nicht groß in die Sicherheit investieren würden, könnte Nachhaltigkeit in ihren verschiedenen Formen gar nicht existieren. Dem Argument folgend müsste das, was Sicherheit schaffen soll – konkret auch die Waffenindustrie – als nachhaltig eingestuft werden. Und das betrifft dann auch Investitionen im privaten Finanzmarkt.

Was eine nachhaltige Investition ist, regeln Vorgaben für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Englisch: Environment, Social, Governance, was zur Abkürzung ESG führt). Sie verpflichten Banken, Fonds und Versicherer, offenzulegen, wie sie Risiken aus diesen drei Bereichen berücksichtigen, und auch dazu ihre Nachhaltigkeitsversprechen belegen. So sollen Anleger nachvollziehen können, ob ein Produkt wirklich nachhaltig ist oder nur so klingt.

Zuletzt hat das globale Interesse an nachhaltigen Investitionen etwas abgenommen. Trotzdem sind im europäischen Markt für nachhaltige Geldanlagen gut drei Billionen Euro im Umlauf. Vielen Menschen ist bei ihren Geldanlagen also nach wie vor wichtig, dass sie nicht in Produkte investieren, die Schaden anrichten.

Sogenannte grüne Fonds schließen deshalb bestimmte Produktgruppen von Investments aus, etwa Glücksspiel, die Tabakindustrie, lange Zeit auch Unternehmen, die einen großen Teil ihres Geschäftes mit fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Öl machen, oder auch Rüstung: Die Grundregel für Investitionen, die innerhalb der EU als nachhaltig gelten, war „do no harm“. Sie sollen also keinem der Nachhaltigkeitsziele klar schaden. Unternehmen, die mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Rüstungsgütern machen, wurden deshalb meist ausgeschlossen.

Rüstung als Positivkriterium

Nach Beginn des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hatten sich Rüstungsunternehmen dann aber enorm dafür eingesetzt, nicht mehr aus von nachhaltigen Investments ausgeschlossen zu werden. Recherchen, unter anderem von taz und LobbyControl, zeigten, dass es Dutzende Treffen mit Lobbyisten der Rüstungsindustrie gab. Ende 2024 änderte die EU dann ihre Richtlinien für nachhaltige Investments. Die Rüstungsindustrie in grüne Fonds aufzunehmen, ist seitdem deutlich einfacher. Aktuell gibt es zudem auf EU-Ebene Bestrebungen, Rüstung und Verteidigung sogar als positives Kriterium für Nachhaltigkeit auf die Liste zu setzen.

„Rüstungsindustrie vermarktet sich selbst immer mehr als Frieden schaffende Industrie“, sagt Frederike Potts von der NGO Facing Finance. Auch die öffentliche Wahrnehmung habe sich verändert. Nachdem Rüstung lange als „Schmuddelkind“ wahrgenommen wurde, sei sie inzwischen der „Liebling von großen Investoren“.

Wenn man nur auf Zahlen schaut, überrascht das wenig – mit Verteidigung lässt sich aktuell gute Rendite machen. Aktien vom Rheinmetall waren vor dem russischen Angriffskrieg noch für weniger als 100 Euro zu haben, zwischenzeitlich brachten sie zehnmal so viel, aktuell werden sie für etwa das achtfache gehandelt.

Deutschland zieht mit

Die deutschen Verbände für Vermögensverwaltung haben inzwischen auch das „ESG-Zielmarktkonzept“ so angepasst, dass in Deutschland Rüstungsaktien in nachhaltigen Fonds enthalten sein dürfen. „Wer heute nachhaltige Fonds kauft, muss erstmal davon ausgehen, dass Rüstung enthalten ist“, meint dazu Antje Schneeweiß vom Arbeitskreis kirchlicher Investoren.

Vieles spricht dafür, dass sie richtig liegt: Der riesige deutsche Vermögensverwalter Allianz Global verkündete laut dem Report „Capital for common good“ etwa 2025, dass seine nachhaltigen Fonds zukünftig nicht nur in Verteidigung, sondern auch in Atomwaffen anlegen können. Insgesamt investieren inzwischen rund zwei Drittel aller als nachhaltig eingestuften Fonds auch in die Waffenindustrie. Ausgeschlossen sind nur noch kontroverse, völkerrechtswidrige Waffen – dazu gehören Minen, Streumunition, Chemie- und Biowaffen, nicht aber Panzer, Raketen, Munition oder eben auch Atomwaffen. Die GLS Bank spricht in diesem Kontext von einer „Zäsur des Nachhaltigkeitsbegriffes im Finanzsektor“.

Dass Rüstung in Geldanlagen inzwischen nicht mehr nur geduldet, sondern mehr und mehr auch als nachhaltig wahrgenommen wird, ist aus der Sicht von Finanzexpertin Schneeweiß „extrem bitter“. Rüstung zerstöre potenziell Leben und führe dazu, dass weniger Geld für wirklich nachhaltige Aktivitäten zur Verfügung steht. „Rüstung ist derzeit notwendig, aber nicht nachhaltig“, sagt sie.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher, die nachhaltig anlegen wollen, ist es seit den Regeländerungen deutlich schwieriger geworden, sicher zu gehen, dass ihr Geld nicht auch in Rüstungsunternehmen landet. Nur noch wenige Banken mit starkem Nachhaltigkeitsschwerpunkt schließen Investitionen in Waffen weiter aus.

Hinzu kommt: Das Geld für europäische Rüstungsfirmen wird nicht automatisch nur für Verteidigung Europas genutzt. Immer wieder zeigen Recherchen und Auswertungen von Datenbanken, dass Waffen von europäischen Herstellern auch in völkerrechtswidrigen Kriegen landen. Der ukrainische Geheimdienst etwa listet immer wieder Bauteile westlicher Firmen auf einer Webseite öffentlich auf, die in russischer Militärausrüstung oder Waffen gefunden wurden.

Transparenzhinweis: Die Recherche wurde gefördert und unterstützt von Netzwerk Recherche und der gemeinnützigen Umwelt-Förderorganisation Olin gGmbH.

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