Diesel-Deal – Wenn Selenski und Trump sich streiten, lacht Putin

Wolodimir Selenski und Donald Trump geraten wieder einmal heftig aneinander. Am Freitag bezeichnete der ukrainische Präsident einen Entscheid seines amerikanischen Amtskollegen als «schwach», woraufhin Trump Selenskis Ablösung forderte. Das Verhältnis zwischen den beiden impulsiven Staatschefs scheint schlechter denn je.
Erinnerungen werden wach an jenes denkwürdige Sofagespräch im Februar 2025 im Weissen Haus, als Trump Selenski vor laufenden Kameras demütigte und ihm vorwarf, mit einem Dritten Weltkrieg zu spielen.
Allerdings haben sich die geopolitischen Kräfteverhältnisse seither zuungunsten der Ukraine verschoben. Wesentlich dazu beigetragen hat der Krieg gegen den Iran.
Trump braucht Diesel
Statt die Islamische Republik in die Knie zu zwingen, treibt Trump den Ölpreis in die Höhe. Günstiger Treibstoff rückt drei Wochen vor den amerikanischen Parlamentswahlen ins Zentrum von Trumps Aussenpolitik.
Schon mehrfach hat Trump Selenski aufgefordert, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Diese Angriffe haben die Kriegswirtschaft des russischen Präsidenten Wladimir Putin empfindlich getroffen und die weltweite Treibstoffknappheit verschärft.
Trump aber will Russlands Dieselreserven anzapfen, um den Wählerinnen und Wählern zu Hause sinkende Preise in Aussicht stellen zu können. In einer spektakulären Abkehr von der amerikanischen Sanktionspolitik vereinbarte er am Freitag mit Putin einen Diesel-Deal.
Selenski erntet Kritik
Daran entzündete sich der jüngste Streit zwischen Selenski und Trump. Selenski bezeichnete den Deal als «unwürdig» und «eine schwache Entscheidung». Damit brachte er Trump in Rage – und sorgte für Kritik auch zu Hause in der Ukraine.
Der Politikwissenschaftler Oleksij Koschel nannte Selenskis Äusserungen «unüberlegt», zumal die Ukraine auf amerikanische Geheimdienstinformationen und Waffen angewiesen sei. Sein Kollege Wolodimir Fessenko mahnte zur Besonnenheit und warnte vor einer Krise zwischen den USA und der Ukraine – diese wäre ganz im Interesse Putins.
Putin gewinnt Spielraum
Für die Ukraine ist die Lage bitter wie selten. Militärisch bleibt Putin weit hinter seinen ursprünglichen Zielen zurück. Doch geopolitisch hat sich seine Position verbessert.
Wegen des Iran-Kriegs sind amerikanische Luftabwehrraketen, die die Ukraine dringend benötigt, knapp geworden. In Deutschland, dem wichtigsten Unterstützerland, ist die russlandfreundliche AfD Umfragen zufolge zur stärksten Partei aufgestiegen. In Frankreich liegt Marine Le Pen in Umfragen für die Präsidentschaftswahl 2027 vorn. Sie kündigte an, die Finanzhilfe für die Ukraine einstellen zu wollen.
Der Diesel-Deal eröffnet Putin neue Einnahmequellen und stärkt seine diplomatische Position vor dem fünften Kriegswinter. Vorschläge für eine Waffenruhe hat er immer wieder abgelehnt. Mit täglichem Bomben- und Raketenterror will er das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer immer unerträglicher machen.
Der Streit zwischen Selenski und Trump kommt für die Ukraine zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
Sebastian Ramspeck
Internationaler Korrespondent
Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.
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