Aura und eine heikle Frage: Fußballdeutschland wirft sich Jürgen Klopp zu Füßen

Aus Theorie wird Praxis: Wie will Jürgen Klopp den deutschen Fußball retten? Die Partie des DFB-Teams gegen die Niederlande soll erste Antworten liefern. Vorher steht aber noch die erste Pressekonferenz an.
Der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs betritt um 18.56 Uhr den Raum. Schon da fasst die Pressekammer der Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam kaum noch Sauerstoff. Denn anders als sonst war niemand mehr in letzter Sekunde in den Saal gehuscht. Die Teilnehmenden waren vorgewarnt worden, dass es voll werden können. Also sitzen sie mit ihren Laptops und Kameras schon seit mindestens einer halben Stunde, produzieren in einem fensterlosen Hörsaal weiter Wärme und warten auf das, was kommen wird.
Im Zweifel erwartet sie eine Show, weil das sind DFB-Pressekonferenzen häufig. Das war schon bei dem Vorgänger von Jürgen Klopp so. Es war nicht so, dass Julian Nagelsmann das Spiel aus Pointen und Informationen mit der Presse nicht beherrschte. Im Gegenteil: Anfangs konnte er das sehr gut und mitreißend, selbst als er später schmallippig geworden war, ging das noch. Es ist noch gar nicht so lange her, da saß Nagelsmann in einer Halle in Toronto. Das DFB-Team stand vor seinem zweiten WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste.

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DFB-Pressesprecherin und Klopp frotzeln über WM-Aus
Nagelsmann sagte damals etwas Interessantes über den viel kritisieren Leroy Sané. Der Flügelstürmer erfüllte zwar den Erwartungshorizont des Bundestrainers, aber nicht den der Öffentlichkeit. Nagelsmann argumentierte gegen die Dauerkritik, dass es in der Psychologie ein Phänomen gibt: Wenn jemand in einer bestimmten Schublade landet, dann werden auch seine Handlungen entsprechend interpretiert. Also: Wer öffentlich als brillant gilt, macht auch nur brillante Dinge - und umgekehrt.
Überraschung: Klopp ist Klopp
Zurück ins Heute: Jetzt sitzt Bundestrainer Klopp auf dem Stuhl, auf dem Nagelsmann fast zweieinhalb Jahre saß. Es ist seine erste Spieltagskonferenz in der Verantwortung als Nationalcoach. Die Ära Klopp hat kalendarisch schon angefangen, am Abend aber (20.45 Uhr/RTL und im ntv.de-Liveticker) beginnt sie erst sportlich. Dann geht es gegen die Niederlande. Das fußballhistorisch aufgeladene Duell entscheidet auch darüber, mit welchen Fundament er startet.
Der Unterschied zu Nagelsmann ist, dass Klopp in einer ganz anderen psychologischen Schublade als sein Vorgänger steckt. Der 59-Jährige war jahrelang schon Schatten-Bundestrainer, ein Vierteljahrhundert stand er bereits im Klubfußball an der Seitenlinie, hat sich dort internationale Autorität und Aura erarbeitet. Dieser Job soll sein letzter sein, das sagte er bei seiner Vorstellung vor zwei Monaten. Nach dem WM-Debakel hatte der DFB alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Klopp auch zu bekommen.

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"Da müsst ihr Rudi fragen" - Klopp lacht Holland-Rivalität weg
Mit seiner Art hatte der neue Bundestrainer in den vergangenen Wochen den deutschen Fußball in den Bann gezogen. Der 44er-Doppelkader für die vier Partien in zwei Wochen? Revolutionär bis monumental! (War er übrigens nicht, aber geschenkt.) Und wo hatte er nur all diese talentierten Fußballer gefunden? Wahnsinn! Sein tatsächlich wohltuender Anti-AfD-Redebeitrag, die "Fahne" zurückholen zu wollen, trieb einem "Bild"-Journalisten gar die Tränen in die Augen und wurde zum Vorbild für Kanzler Friedrich Merz kommentiert.
Es scheint, als könnte dieser Bundestrainer auch wirklich gar nichts falsch (oder umgekehrt nur alles richtig) machen. Mit neuen "Knallhart"-Regeln untersagt er einem Bericht zufolge den DFB-Protagonisten den Friseur im Teamhotel und fordert künftig pünktliches Erscheinen beim Abendessen. Die Kadernominierung bezeichnete Lothar Matthäus als eine der besten Pressekonferenzen, die der Rekordnationalspieler je gesehen habe. Dann trägt er auch noch Kultschuhe im Training.
"Jetzt könnte man die Frage stellen"
Und da sitzt Klopp nun in Amsterdam. Sein Lachen ist einnehmend, er hat keine Berührungsängste. Klopp ist halt Klopp. Beim öffentlichen Training plaudert er am Vormittag mit den Medienschaffenden. Als bei der Pressekonferenz am Abend ein "Welt"-Journalist eine Frage stellen will, ruft er vorher schon: "Jetzt wird's seriös." Einen niederländischen Journalisten kennt er noch aus Klub-Zeiten, er grüßt ihn. Bei einer Frage zu horrenden Trikotpreisen scherzt Klopp, dass er nichts dazu sagen kann, weil er selten für Trikots bezahlen muss.
Zwischen den Pointen finden sich aber auch Analysen über den deutschen Fußball. Die vielen (und teils unbekannten) Spieler, die er nominiert hat, habe er auch deshalb zum DFB gerufen, weil sie in der noch jungen Saison schon überperformt hätten. "Jetzt könnte man die Frage stellen: Wann ist das zuletzt bei der Nationalmannschaft passiert?", fragt Klopp in den Raum. Tatsächlich könnte man antworten, dass das bestimmt zehn Jahre her ist. Er wolle darauf keine Antwort geben, sagt Klopp - an Einsatzwillen und -bereitschaft liege das aber nicht.

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"Du lieber Himmel, verrückt" - Klopp staunt über seine "Jungs"
Diesen Umstand will er aber ändern. Daran arbeite er mit seinem Team: "Wenn wir uns hier in dieser Konstellation treffen, dass wir uns so organisieren und einstellen, dass es diese Tage gibt, an denen wir über uns hinauswachsen können." Seit Montag arbeiten sie gemeinsam daran in Herzogenaurach. "Wenn wir vier, fünf Wochen das machen würden, was wir in den vergangenen Tagen gemacht haben, wäre es viel zu viel für die Spieler." Er versuche das, was er im Klub auch gemacht hat, in weniger Zeit zu schaffen.
Es gehört zur Methode des "Bundes-Kloppo" (Norbert Dickel), seine Akteure überperformen zu lassen. Schon in Mainz, Dortmund und Liverpool pushte Klopp klassische Bundesliga-Profis bis zum Champions-League-Niveau. Nicht ohne Grund tauchten Kevin Großkreutz und Erik Durm im Weltmeisterkader von 2014 auf. Ihre Karrieren verglühten nach dem Klopp Abschied aber genauso schnell wieder. Ähnliche Geschichten könnten auch Trent Alexander-Arnold, Shinji Kagawa oder Marcel Schmelzer erzählen.
Diese Fähigkeit könnte dem deutschen Fußball guttun. Nach dem Sommer dachte man noch: Es sei fast unmöglich, einen Kader für die nächste Europameisterschaft 2028 in Großbritannien zusammenzubekommen. Klopp sendete in seinen Auftritten das Signal, dass diese Sorge jeglicher Grundlage entbehre. Einen Kader für die nächsten Spiele zu finden? Das sei ein "Jahrhundertspaß" gewesen, sagte er. Deswegen nominierte er die halbe Bundesliga.
Feuer und Tränen
Und jetzt? Die eigenen Akteure emotionalisierte Klopp teilweise nur mit einem Anruf. Das berichteten die ersten der 15 DFB-Neulinge, die am Montag erstmals über den Bundestrainer sprechen durften. Der Freiburger Rechtsverteidiger Philipp Treu deutete an, für Klopp fürs Feuer gehen zu wollen. Younes Ebnoutalib aus Frankfurt seien bei seinem Nominierungsgespräch gar "ein bisschen" die Tränen gekommen.
Klar, die Aufregung der potenziellen DFB-Debütanten ist wenig überraschend. Aber es sind die ersten Signale, dass Klopp möglicherweise auch noch sein größtes Problem in den Griff bekommen könnte. Der Job des Bundestrainers hat es so an sich, dass sich die Protagonisten nur alle paar Monate auf dem Trainingsplatz treffen. Der Abstand könnte die Kräfte eines Menschenfängers und Supermotivators hemmen.
Der außerhalb von Fachkreisen unbekannte Treu ist dafür ein anschauliches Beispiel. Klopp attestierte ihm vergangene Woche noch, das Rechtsverteidigerproblem des deutschen Fußballs zu lösen. "Philipp marschiert die Bahn hoch und runter, völlig wurscht, welche Tages- und Nachtzeit. Wir reden in Deutschland, wir haben keine Rechtsverteidiger, und da spielt einer, und der muss sich selbst fragen: Hä, worüber reden die?", sagte Klopp. Ihm fehlt ein Spielertyp? Also lobt er sich ihn selbst zusammen.
All das steht am Abend erstmals auf dem Prüfstand. "Es ist für uns der Start in etwas", sagt Klopp. "Ich habe persönlich gesagt, Entwicklung braucht verschiedene Dinge: Das eine ist Zeit, das andere ein Start." Und diesen könne man nun hinlegen. "Alles andere noch nicht", sagt Klopp. Er scherzt noch kurz mit dem wartenden Marc-Andre ter Stegen - und verschwindet. Die Show ist vorbei.
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