«Bin der Boss»: Häftling Remy hat den Schlüssel zum Luxus-Block

Darum gehts
- Der Deutsch-Kolumbianer Remy Marlon (41) sitzt seit 2018 in einem paraguayischen Gefängnis und hat sich dort eine Machtstellung erarbeitet.
- Er verfügt über den Schlüssel zum Zellenblock, ein eigenes Bad und entscheidet, wer den Block betreten darf.
- In Paraguay wurde Marlon zu 16 Jahren Haft verurteilt. Er sagt, dass er seine Taten bereue, sich für Drogenabhängige aber nicht verantwortlich fühle.
Korruption und Überbelegung prägen Paraguays Gefängnissystem. Auch Bestechung gehört dazu: Einzelne Justizbeamte lassen sich bezahlen – Geld und Einfluss entscheiden oft darüber, wie Insassen ihre Haft verbringen.
Seit acht Jahren sitzt der 41-jährige Deutsch-Kolumbianer Remy Marlon wegen schwerer Drogendelikte in einem paraguayischen Gefängnis* im Grossraum Asuncion ein. Die Haftanstalt sei «wie ein kleines Dorf», sagt er zu 20 Minuten. Nur eines fehle ihm: «Die Freiheit, von hier wegzugehen.»
«Bin für meinen Zellenblock verantwortlich»
Bei Konflikten im Knast hier gebe es kaum jemanden, der eingreife, sagt Marlon. «Die einzige Sprache, die man hier versteht, ist Gewalt.» Mittellose Gefangene teilten sich in seinem Block mit 80 anderen ein Bad oder endeten auf dem Hof – dort seien Gewalt und Übergriffe Alltag. Marlon gehört nicht zu ihnen. Während eines jahrelangen Konflikts rivalisierender Gruppen im Gefängnis habe er sich eine gewisse Stellung und ein finanzielles Polster aufgebaut: «Ich geniesse hier viele Vorzüge.»
«Heute bin ich für meinen Zellenblock verantwortlich und bin quasi der Boss hier. Ich habe den Schlüssel zum Block, einen Raum mit eigenem Bad, den ich nur mit sieben anderen teilen muss, und einen Hund namens Kaiser», sagt Remy. «Das allein ist hier schon Luxus.» Wärter gebe es in seinem Block kaum. Er verwalte den Block und entscheide mit, wer hinein und hinaus dürfe.
Die ZDFinfo-Reihe «Deutsche im Knast» begleitete Marlon 2025 im Knast in Paraguay. Remy teilte Ausschnitte davon auf seinem Kanal.
Seine Ehefrau und sein kleiner Sohn besuchten ihn beinahe täglich. Um das Kind mache er sich derweil keine Sorgen: «Jeder im Block weiss, dass es grosse Folgen hätte, sollte meinem Sohn etwas passieren.»
Vom Häftling zum Vermieter und Fabrikant
Laut Marlon hat er dem Drogenhandel und der Kriminalität schon länger den Rücken gekehrt. Im Gefängniskomplex habe er Wohnungen und Fabriken aufgebaut, um nach einer Entlassung finanziell abgesichert ein normales Leben beginnen zu können.
Er habe zehn kleine Wohnungen errichten lassen, die Insassen für Besuche ihrer Partnerinnen hätten mieten können – stundenweise, für eine Nacht oder länger.
Daneben soll er eine Jeansfabrik und eine Erdnussfabrik aufgebaut haben. Mehrere Hunderttausend Dollar habe er investiert, sagt Marlon. Vor vier Monaten seien die Wohnungen und Fabriken ihm und anderen Insassen von der Gefängnisleitung aber weggenommen worden. Er spricht von einer Razzia wegen «Machtgefügen innerhalb der Gefängnisleitungen» und «mafiösen Verbindungen zu paraguayischen Politikern». Die offizielle Begründung der Gefängnisleitung, er sei erneut in den Drogenhandel verwickelt, weist Marlon von sich.
Weil Marlon sechs Sprachen fliessend spreche, habe er daraufhin versucht, über Facebook Sprachkurse zu verkaufen. Das Angebot habe eine Zeit lang funktioniert, bis deutsche Schüler ihn wegen des ZDF-Films erkannt hätten. Neben Einnahmen aus dem Alkoholverkauf – bestechliche Justizbeamte brächten die Ware ins Gefängnis – versuche er seit einigen Monaten, mit seinen Social-Media-Kanälen Geld zu verdienen. Bis zu 800’000 Menschen schauen ihm inzwischen beim Gefängnisalltag zu.
Schwere Kindheit wegen Mobbing
Remy spricht offen über seine Vergangenheit. Seine Kindheit in Berlin-Wedding beschreibt er als schwierig: «Hyperaktivität, Legasthenie und Sprachprobleme haben mich von klein auf begleitet.» Mitschüler hätten ihn deshalb gemobbt und ausgegrenzt. «Durch fehlende Grenzen in einem Zuhause ohne Vater und meine Begeisterung für Gangsterfilme geriet ich früh auf die schiefe Bahn.»
Mit 15 Jahren sei er erstmals festgenommen worden, mit 17 flieht er nach mehreren Raubüberfällen aus Deutschland. In der Sendung «Aktenzeichen XY … ungelöst» wurde öffentlich nach ihm gefahndet. Es folgte eine Odyssee mit falschen Identitäten, Drogenhandel, Festnahmen und Urteilen in mehreren Ländern. (siehe Infobox)
Flucht, Koks, Knast: Das hat Marlon auf dem Kerbholz
2000: Erste Haft
Remy erzählt, er sei mit 15 erstmals festgenommen worden und danach zehn Monate in der Jugendstrafanstalt Rockenberg gesessen.
2002/2003: Raubüberfälle und Flucht aus Deutschland
Nach mehreren Raubüberfällen im Raum Marburg flüchtet der damals 17-Jährige aus Deutschland und wird von deutschen Behörden gesucht. Auch in der Sendung «Aktenzeichen XY … ungelöst» wurde 2003 öffentlich nach ihm gefahndet. Remy erzählt, er sei damals zuerst in Südfrankreich untergetaucht.
2003: Mit falschem kongolesischen Pass unterwegs
Unter mehreren Identitäten reist er in der Welt herum und betreibt Drogenhandel. Remy erzählt, er habe über einen kongolesischen Bekannten einen kongolesischen Pass samt erfundener Biografie beschafft: Die Story: Im Kongo geboren und bei Eltern aufgewachsen, die als UNO-Blauhelme im Einsatz gewesen seien.
2010: Festnahme in Mailand im Berlusconi-Umfeld
Marlon wird in Mailand unter dem Alias Carlos Ramírez de la Rosa festgenommen. Festnahme in Mailand unter dem Alias Carlos Ramírez de la Rosa. Laut italienischen Medien lebt er damals mit Freundin Marysthell Polanco in einer Wohnung im Olgettine-Rotlichtviertel die für sie von Silvio Berlusconi finanziert worden sein soll. Remy selbst verortet seine Festnahme im Umfeld des sogenannten «Bunga-Bunga»-Komplexes um Berlusconi.
Bei der Festnahme stellen die Ermittler mehr als 54 000 Euro Bargeld, eine Geldzählmaschine und rund zwölf Kilogramm Kokain sicher.
2010–2016: Sechs Jahre Haft in Italien
Marlon sagt, er habe nach seiner Festnahme sechs Jahre in italienischen Gefängnissen verbracht: Zunächst von 2010 bis 2012 in San Vittore in Mailand, anschliessend bis 2016 in San Cataldo auf Sizilien.
2016: Rückkehr in die Unterwelt
Nach seiner Entlassung aus dem italienischen Gefängnis habe er erneut Strukturen aufgebaut und wieder im internationalen Drogenhandel mitgemischt, erzählt Remy.
2018: Festnahme in Paraguay
In Asunción, Paraguay, wird Marlon festgenommen. Er soll laut Medienberichten «Mulas» für Kokaintransporte nach Brasilien, Argentinien und Europa angeworben haben. Die Drogen seien unter anderem geschluckt, in Körperöffnungen versteckt oder in Büchern getarnt worden. Ein paraguayisches Gericht ordnet daraufhin Untersuchungshaft an.
2019/20: Italien verlangt seine Auslieferung
Italien erlässt laut italienischen Medien im Zusammenhang mit der Operation «Café Blanco» einen Haftbefehl gegen Marlon. Weil er bereits in Paraguay sitzt, wird dieser dort nicht vollstreckt. Italien beantragt seine Auslieferung.
2022: Zwei Urteile – 16 Jahre in Paraguay, 9 Jahre in Brasilien
Laut Gerichtsunterlagen** verurteilt ein paraguayisches Gericht Marlon als Kopf eines Drogenschmuggelnetzwerks zu 16 Jahren Haft. Diese Strafe verbüsst er derzeit in Paraguay.
In Brasilien wird er in einem parallelen Verfahren wegen Drogenhandels und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung zu neun Jahren und 15 Monaten Haft verurteilt.
Ob und wie die brasilianische Strafe später vollstreckt oder auf die Haft in Paraguay angerechnet wird, ist offen.
Heute: Marlon sitzt seine Strafe ab
Marlon sitzt seit 2018 in Paraguay. Im Mai 2026 wird ihm eine beantragte Videoanhörung im italienischen Verfahren zugestellt. Falls Paraguay ihn nach dem Ende seiner Haft an Italien überstellt, müsste er sich dort dem Verfahren stellen. Reist er später selbst nach Italien, droht ihm wegen des Haftbefehls eine Festnahme.
«Bereue das Leid, das ich verursacht habe»
Marlon sagt heute, er bereue seine Taten vor allem wegen der Menschen, die ihm nahestanden. «Meine Mutter hat unter meinen frühen kriminellen Taten gelitten.» Auch seine Tochter aus einer früheren Beziehung, die in Italien lebt, wachse wegen seiner Inhaftierung ohne ihren leiblichen Vater auf.
Seine Reue hat jedoch Grenzen: Für die Gewalt der Drogenkartelle und Menschen, die möglicherweise wegen ihres Stoffs drogenabhängig wurden, fühlt er sich nicht verantwortlich. «Ich habe zwar bis zu 50 Kilo pro Woche gehandelt. Aber ich war nur Vermittler. Ich habe die Ware lediglich gekauft und verschickt.»
«Will mein Leben nicht verherrlichen»
Zudem sei Marlon wichtig, sein Leben im Gefängnis trotz Schlüssel, eigenem Bad und Sonderstellung nicht zu verherrlichen. «Ich würde es jederzeit gegen ein freies Leben mit meiner Familie tauschen», so der 41-Jährige. Er will deshalb auch Jugendliche, die auf einem ähnlich schiefen Weg sind, warnen: «Ich hatte in Deutschland alle Möglichkeiten offen und habe sie nicht genutzt. Bitte macht das anders als ich.»
*Auf Wunsch von Remy nennt 20 Minuten die genaue Haftanstalt nicht. Er befürchtet, dass Interessierte sonst dorthin pilgern könnten.
**Die Gerichtsunterlagen liegen 20 Minuten vor.
Was denkst du über Marlons Sonderstellung im paraguayischen Gefängnis?
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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