US-Experte: «Demokraten sollten ziemlich leicht gewinnen können»

- Am 3. November finden in den USA die Midterms statt, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus und 35 Senatssitze neu vergeben werden.
- US-Experte Julien Labarre erwartet, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus «ziemlich leicht» gewinnen können – im Senat werde das Rennen enger.
- Labarre beobachtet vor allem die Senatsrennen in Texas, Maine und Michigan.
- Donald Trump hofft auf einen klaren Sieg für die Republikaner – Labarre geht davon aus, dass das Weisse Haus sich aber auf ein knappes Resultat vorbereitet.
Was sind die Midterms?
Die Midterm Elections, kurz Midterms, sind die Zwischenwahlen in den USA. Sie finden alle vier Jahre etwa zur Halbzeit der Amtszeit des Präsidenten statt. Dieses Jahr wird am 3. November gewählt. Dabei werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der 100 Sitze im Senat neu vergeben. Entscheidend ist, welche Partei die Mehrheiten im US-Kongress für die nächsten zwei Jahre sichert. Aktuell stellen die Republikaner in beiden Kammern eine Mehrheit.
Senat und Repräsentantenhaus: Was sind ihre Aufgaben?
Der Kongress ist das Parlament der USA und besteht aus zwei Kammern: dem Senat und dem Repräsentantenhaus. Im Senat sitzen 100 Mitglieder, zwei aus jedem Bundesstaat. Das Repräsentantenhaus zählt 435 Abgeordnete, die alle zwei Jahre neu gewählt werden. Die beiden Kammern sind zuständig für die Gesetzgebung und Kontrolle der Regierung.
Welche Themen stehen bei den Wahlen im Vordergrund?
Die Wirtschaft und die hohen Lebenshaltungskosten dominieren die Midterms. In einer Umfrage von AP-Norc gaben rund vier von fünf Befragten an, dass die wirtschaftliche Lage für sie ein zentrales Thema ist. Dahinter folgen die Gesundheitspolitik sowie der Krieg im Iran. Weitere Wahlkampfthemen sind die Einwanderung, Zölle und Abtreibungsrechte.
Was sind die spannendsten Rennen?
US-Experte Julien Labarre wird die Midterms für 20 Minuten begleiten, die Wahlergebnisse analysieren und die wichtigsten Entwicklungen einordnen. In der Wahlnacht werde er vor allem die Rennen in Texas, Maine und Michigan beobachten. In Texas hätten die Demokraten mit James Talarico erstmals seit 1988 eine realistische Chance auf einen Senatssitz.

«Die Demokraten haben einen sehr starken Kandidaten. Zudem scheint es, dass viele Latino-Wähler zur Demokratischen Partei zurückkehren könnten, da sie mit der Einwanderungsbehörde ICE und Trumps Politik unzufrieden sind.» Latinos machen über 30 Prozent der Wahlberechtigten in Texas aus. «Die Republikaner haben hingegen einen Kandidaten nominiert, der sehr polarisiert.»
Zum Experten
Julien Labarre ist Postdoktorand an der Universität Zürich. Bevor er an die UZH kam, war er Assistant Professor für amerikanische Politik an der California State University Dominguez Hills. Seine aktuelle Arbeit konzentriert sich auf Informationsumfelder und die Qualität der US-Demokratie, mit besonderem Augenmerk auf die Entstehung illiberaler Bestrebungen und antidemokratischer Einstellungen in der amerikanischen Öffentlichkeit.
In Maine steht die gemässigte republikanische Amtsinhaberin Susan Collins unter Druck. Obwohl der Bundesstaat eher demokratisch wähle, habe sie sich bisher mehrfach behaupten können. «Collins wurde schon viele Male politisch für tot erklärt, doch die Demokraten haben sich anfangs Jahr hinter das falsche Pferd gestellt», erklärt Labarre. Ihr ursprünglicher Kandidat, Graham Platner, zog sich zurück, nachdem mehrere Skandale ans Licht gekommen waren, die er bestritten hat. «Sein Ersatz, Troy Jackson, ist ein konventioneller Demokrat und liegt in den Umfragen mit Collins nun praktisch gleichauf.»

Michigan bereitet den Demokraten laut Labarre die grössten Sorgen. «Die Demokraten brauchen den Bundesstaat für einen Sieg.» Der progressive Kandidat Abdul El-Sayed polarisiere: «Während er bei der demokratischen Basis gewisse Begeisterung ausgelöst hat, hat seine Beziehung zum linksaussen stehenden Social-Media-Influencer Hasan Piker bei moderateren und unabhängigen Wählern viele Augenbrauen hochgezogen.» Diese Spannungen zwischen dem progressiven und moderaten Flügel der Demokratischen Partei würden in diesem Rennen im Mittelpunkt stehen.

Was sind die aktuellen Tendenzen?
Laut Labarre verliert die Partei des amtierenden Präsidenten bei den Zwischenwahlen meist Sitze im Repräsentantenhaus. «Die Demokraten sollten einen Sieg im Repräsentantenhaus ziemlich leicht erringen können.»
Was möchtest du rund um die US-Midterms unbedingt wissen?
Im Senat sei die Ausgangslage hingegen deutlich offener: «Um zu gewinnen, müssten die Demokraten alle bisherigen Sitze halten und vier zusätzliche hinzugewinnen.» Bei einem Gleichstand von 50 zu 50 Sitzen hätte Vizepräsident J. D. Vance die entscheidende Stimme. Labarre sieht für die Demokraten gute Chancen in North Carolina. Dann müssten sie aber noch drei der folgenden sechs Staaten gewinnen, um eine Mehrheit zu erreichen: Texas, Alaska, Maine, Iowa, Kansas und Ohio.
Was erhofft sich Präsident Trump?
Obwohl US-Präsident Donald Trump nicht selbst zur Wahl steht, hatte er die Wählerinnen und Wähler wiederholt dazu aufgerufen, so zu wählen, als würde er kandidieren. Die Midterms werden damit auch zum Stimmungsbarometer für seine Regierung. Der US-Präsident hofft auf einen klaren Sieg für die Republikaner.
Besonders wichtig ist für ihn die Senatsmehrheit. Nur mit ihr könnte er Richterernennungen weiter vorantreiben und seine aussenpolitische Agenda leichter durchsetzen. Labarre geht davon aus, dass das Weisse Haus sich auf ein knappes Resultat vorbereitet. «Bei einer Niederlage könnte Trump das Wahlergebnis wie in der Vergangenheit anzweifeln und von Betrug oder Manipulation sprechen.»
Welche Auswirkungen hätte ein Sieg der Demokraten?
Eine demokratische «blaue Welle» würde die Machtverhältnisse in Washington deutlich verschieben, aber gemäss Labarre kaum zu grossen Gesetzesreformen führen. «Die Demokraten stünden weiterhin Trumps Veto gegenüber, und dessen Überstimmung erforderte in beiden Kammern eine Zweidrittelmehrheit.»
Allerdings könnten die Demokraten Trumps Vorhaben stärker kontrollieren. «Sie könnten ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten einleiten. Für ein Impeachment wäre aber eine Zweidrittelmehrheit im Senat nötig.» Politische Blockaden sieht der Experte deshalb als vorprogrammiert: «Neue Regierungsstillstände könnte man vermutlich schon in den Kalender eintragen.»
Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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