Rolf: «Das Haus in Thailand steht, bald folgt der Bunker»

- Eine Studie ist der Frage nachgegangen, welche Länder besonders resilient wären im Falle einer grösseren Katastrophe.
- Die Frage, wie und wo man selber leben will, wenn es zu einer solchen Katastrophe kommt, beschäftigt auch Menschen in der Schweiz.
- Bei Rolf laufen bereits die konkreten Planungen, um nach Thailand auszuwandern.
- Dominik hingegen hat so oder so Abgeschiedenheit gesucht. Der Ukraine-Krieg bestärkte ihn lediglich in seinem Vorhaben, sein Haus autark zu machen.
Wohin flüchten, wenn der Welt eine Katastrophe droht? Dieser Frage hat sich eine Studie gewidmet. Doch auch Menschen in der Schweiz beschäftigt der Gedanke, was sie täten, wenn tatsächlich ein grösserer Krieg losgetreten würde oder die Infrastruktur zusammenbräche. Vier Männer erzählen.
Rolf (70): «Habe nicht ein Leben lang gearbeitet, um im Krieg umzukommen»
In sechs Wochen will Rolf mit seiner Frau in Richtung Thailand aufbrechen – vorerst für fünf Monate. «Wir nehmen aber schon alle Wertsachen mit», sagt der 70-Jährige. Was als Test beginnt, ist für das Paar auch ein Fluchtplan für den Fall eines grossen Kriegs. «Ich habe nicht ein Leben lang gearbeitet, um dann im Alter in einem Krieg umzukommen.»
Im Landesinnern Thailands besitzt das Paar ein einfaches Haus und zwei Reisfelder. Dort wollen sie Kokosnüsse, Mangos, Passionsfrüchte und Bananen anbauen und sich teilweise selbst versorgen. Ein kleiner unterirdischer Bunker ist ebenfalls geplant – als Zuflucht, falls «es klöpft», und als kühler Lagerraum für Lebensmittel bei einem Stromausfall. Eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher soll die Energieversorgung sichern.
Rolf fürchtet, dass die Spannungen zwischen den Grossmächten ausser Kontrolle geraten könnten. «Mit den Staatschefs, die derzeit an der Macht sind, halte ich einen baldigen grossen Krieg leider nicht für ausgeschlossen.» Als Importeur haltbarer Bioprodukte aus aller Welt erlebe er, wie anfällig globale Lieferketten seien: steigende Transportkosten, Kontrollen und neue Vorschriften erschwerten sein Geschäft.
«Einen Vorgeschmack auf die Krise haben wir schon erlebt»
Den Krieg im Iran bekam Rolf in Thailand bereits zu spüren. Im März kam es zu Treibstoffengpässen: Tankstellen schlossen zeitweise, an anderen wurden einzelne Treibstoffsorten knapp. Die Regierung reagierte mit Notmassnahmen. Besonders unter Druck geriet die Binnenfischerei, weil die Dieselpreise stark stiegen. «Wir sahen Fisch- und Shrimpzuchten, die komplett eingingen, weil der Treibstoff fehlte, um Sauerstoff ins Wasser zu bringen. Es kam auch zu Unfällen, weil den Rollern mitten auf der Autobahn das Benzin ausging.» Für Rolf war das ein Vorgeschmack darauf, wie schnell eine Krise Tausende Kilometer entfernt den Alltag verändern kann. «Wenn etwas passiert, sind die Tankstellen leer», sagt er.
Noch will Rolf in Europa weiterarbeiten, weil er finanziell darauf angewiesen sei. Doch spätestens mit 75 oder 76 möchte er sich dauerhaft nach Thailand zurückziehen. «Jetzt müssen wir für uns selber schauen», sagt er. Er habe genug Land gekauft, dass auch seine Kinder und Grosskinder sich Hütten bauen könnten.
W. D. (69): «Blockhaus in Lappland ist der perfekte Ort, um in Sicherheit leben zu können»
W. D.* (69) hat schon vor 20 Jahren ein Haus in Lappland gebaut – ursprünglich nicht als Vorbereitung auf irgendwas. «Doch mein selbst gebautes Blockhaus ist jetzt der perfekte Ort, um in Sicherheit leben zu können.» D. habe sich in Lappland autark eingerichtet: «Ich kann jagen und angeln, es gibt genug Wald und Fische, Pilze und Beeren sind im Überfluss vorhanden. Dazu habe ich eigenes Wasser und einen grossen Generator, sollte das Netz zusammenbrechen.»
Dominik (42): «Geniesse die Abgeschiedenheit – und im Notfall bin ich vorbereitet»
Dominik zieht es nicht ins Ausland. Er arbeitet Vollzeit als Lokführer und lebt mit Freunden und Tieren in einem abgelegenen Haus im ländlichen Kanton Bern. Die Ruhe und die Natur hätten ihn und seine Mitbewohner ursprünglich dorthin gezogen. «Am Abend auf der Terrasse zu sitzen, die Rehe in der Dämmerung zu sehen und die Sterne ohne Lichtverschmutzung funkeln zu sehen – das geniessen wir einfach.»
Mit dem Krieg in der Ukraine sei der Gedanke an Vorsorge aber wichtiger geworden. «Als Kämpfe um das Atomkraftwerk Saporischja ausbrachen, hat mich das schon zum Nachdenken angeregt: Was, wenn dort etwas Grosses passiert? Dann wäre es schön, ein Back-up zu haben.»
«Kann das Haus mit einem Schalter vom Netz nehmen»
Sein Haus ist deshalb für einen längeren Stromausfall gerüstet: Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Pelletheizung, Kachelofen und eigene Wasserquelle sollen verhindern, dass die Bewohner sofort ohne Wärme, Licht oder Wasser dastehen. «Ich kann einen Schalter umlegen und das Haus vom Netz nehmen», sagt Dominik. Vor anderthalb Monaten fiel der Strom für einige Stunden aus – erstmals konnte er testen, ob das System funktioniert. «Es ist ein super Gefühl, zu wissen: Wenn etwas passiert, sind wir nicht völlig abhängig.»
Für den Ernstfall lagern die Bewohner Lebensmittel für rund zwei Wochen. Dominik betont, dass er nicht erwarte, dass morgen die grosse Katastrophe über die Welt hereinbreche. Aber falls die Lage eskaliere, wolle er nicht erst dann auf Vorrat einkaufen, wenn die Regale bereits leer seien. «Wir könnten den Luxus von heute nicht aufrechterhalten», sagt er. «Aber wir hätten Wärme, Wasser, Licht und könnten das Nötigste betreiben.»
Aldo Arias (62): «Für den Ernstfall soll die Tür nach Chile offen bleiben»
Als Aldo Arias vor Jahren Land in Chile kaufte, dachte der Schweizer vor allem an eine Investition. Heute sieht er darin auch einen möglichen Rückzugsort. «Die Welt ist verrückt geworden, vor allem auf der Nordhalbkugel», sagt Arias, der beruflich zwischen der Schweiz, Brasilien, Chile und Mexiko pendelt.
Sein Lebensmittelpunkt bleibt vorerst in der Schweiz, wo auch seine fünf erwachsenen Kinder leben. Doch in Chile besitzt er ein Haus auf dem Land sowie weitere Hektaren in Richtung Patagonien. Dort gibt es Tiere, Nutzpflanzen und genug Platz, um sich im Extremfall eine Zeit lang selbst zu versorgen. «Das wäre keine Romantik, sondern eine Notlösung», sagt Arias.
Chile sei keineswegs frei von Problemen, betont er. Doch die Entfernung zu den Krisenherden in Europa und auf der Nordhalbkugel – Arias nennt Kriege und die Migration aus Konfliktgebieten – gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit. Ob er sich im Pensionsalter zwischen 65 und 70 endgültig in Chile niederlässt, will er offenlassen. Sollte sich die Lage in Europa stark verschärfen, könnte er sich aber vorstellen, sich in der Schweiz abzumelden und nach Chile zu ziehen. «Dort könnte ich auch meiner Familie einen Ort zum Leben anbieten.» «Es ist ein gutes Gefühl, wenn die Tür offen ist», sagt Arias. Noch sei das nur eine Überlegung. Aber die Möglichkeit, sich im Ernstfall zurückzuziehen, wolle er behalten.
*Initialen geändert
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Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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