Neutralitätsinitiative – Grenzgänger und Skepsis: Tessins knappe Haltung zur Neutralität

Das Tessin gilt bei aussenpolitischen Fragen traditionell als skeptisch. Das hauchdünne Nein zur Neutralitätsinitiative zeigt jedoch, wie uneins sich der Südkanton in dieser Frage ist. Einschätzungen zu den Hintergründen von Tessin-Korrespondent Iwan Santoro.
Iwan Santoro
Tessin-Korrespondent
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Santoro arbeitet seit 2013 bei Radio SRF und arbeitete dort ab 2016 in der Inlandredaktion. Seit 2024 berichtet er als Korrespondent über das Tessin.
Wie ist das knappe Tessiner Resultat zu interpretieren?
Das Tessin – und im Übrigen auch der italienischsprachige Teil des Kantons Graubünden – ist bei aussenpolitischen und Souveränitätsfragen erfahrungsgemäss sehr skeptisch. Das haben auch die Umfragen im Vorfeld der Abstimmung gezeigt. In der ersten GFS-Umfrage resultierte gar noch ein deutliches Ja des Kantons Tessin zur Neutralitätsinitiative, in der zweiten Umfrage hielten sich der Ja- und der Nein-Stimmenanteil in etwa die Waage. Am Abstimmungssonntag resultierte schliesslich mit 51.8 Prozent Nein-Stimmen das knappste Nein der ganzen Schweiz.
Die Neutralität geniesst im Grenzkanton einen besonders hohen Stellenwert. In der politischen Kultur des Tessins wird die Nicht-Einmischung in internationale Konflikte häufig stärker gewichtet als in der Deutschschweiz. Dazu trägt auch die parteipolitische Landschaft bei: Mit der SVP und der Lega dei Ticinesi sind zwei einflussreiche Parteien präsent, die den Themen Neutralität, Unabhängigkeit und nationale Souveränität traditionell grosse Bedeutung beimessen.
Zeigt sich ein Stadt-Land-Graben?
Ein ausgeprägter Stadt-Land-Graben lässt sich im Tessin nicht erkennen. Zwar lehnten mit Ausnahme von Chiasso sämtliche Städte die Vorlage ab, doch auch die Berg- und Talgemeinden waren keineswegs einheitlicher Meinung.
So stimmte die Gemeinde Bedretto mit einem Ja-Anteil von rund 79 Prozent am deutlichsten für die Initiative. Das noch kleinere Bosco Gurin wiederum verwarf die Vorlage ebenso klar. Das Abstimmungsverhalten zeigt damit weniger einen Gegensatz zwischen Stadt und Land als vielmehr eine starke Heterogenität innerhalb des Kantons.
Trifft die aktuelle Weltlage das Tessin anders als die übrige Schweiz?
Von den grossen geopolitischen Konflikten wie dem Ukraine-Krieg ist das Tessin nicht stärker betroffen als die übrigen Landesteile. Als Grenzkanton hängt es jedoch in besonderem Masse von den wirtschaftlichen Entwicklungen in Italien ab.
Die Lage in Norditalien wirkt sich direkt auf den Tessiner Arbeitsmarkt aus, auf dem rund 80'000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger tätig sind. Dies trägt dazu bei, dass die Durchschnittslöhne im Südkanton tiefer liegen als in der Deutschschweiz. Zudem steht das Tessin im Steuerwettbewerb mit Italien, das mit attraktiven Steuerprivilegien um Vermögende wirbt.
Vor diesem Hintergrund wird die internationale Vernetzung im Tessin oft eher als Risiko denn als Chance wahrgenommen. Diese unmittelbare Konkurrenzerfahrung prägt die politische Haltung und begünstigt die Skepsis gegenüber weiterer Öffnung. Dadurch erklärt sich zumindest teilweise auch die vergleichsweise hohe Zustimmung zu aussen- und souveränitätspolitischen Vorlagen wie der Neutralitätsinitiative.
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