Lernende klagen über Betriebe – Die Schattenseiten des Erfolgsmodells Berufslehre

Im Juni 2024 brach in Delsberg eine junge Coiffeuse bei ihrer Diplomübergabe das Schweigen. Auf der Bühne erhielt Lana Voisard ihr Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Coiffeuse, als Jahrgangsbeste.
Die junge Frau bat um ein Wort. Sie sprach von Diskriminierung, Rassismus, Drohung, Sexismus, Erniedrigung, Mobbing, Ungerechtigkeiten, täglichem Druck, nicht eingehaltenen Arbeitszeiten und Ausbildungsmangel. Es war ein Eklat, der den Kanton Jura aufrüttelte.
«Am Anfang lief es gut mit meinem Berufsbildner, aber nach und nach zerfiel es», erinnert sich Lana heute. «Bei jedem banalen Fehler wurden wir vor den Kunden zurechtgewiesen und herabgesetzt.»
Eine «asymmetrische» Beziehung
In der Schweiz bricht ein Viertel der Lernenden die Ausbildung vorzeitig ab. Workmed, ein Tochterunternehmen der Krankenkasse Swica, befragte 44'000 Lernende in allen Kantonen. 80 Prozent sagten, sie fühlten sich wohl in ihrer Lehre. Doch bei vertiefter Befragung berichteten 60 Prozent von psychischen Schwierigkeiten.
Hören Sie, was Lana in ihrer Berufslehre erlebt hat:
«Als mir klar wurde, dass ich meine Faust im Sack lassen musste, begann ich grundlos zu weinen», berichtet Lana. «Es begann mit Schlaflosigkeit. Und dann erbrach ich alles, was ich ass. Ich habe fast zehn Kilo abgenommen.»
Nach Ansicht der Psychologin und Berufsberaterin Nathalie Kamber hat das System. «Es ist kompliziert für einen Jugendlichen, auf den Erwachsenen zuzugehen, sein Unbehagen oder seine Schwierigkeiten auszudrücken», sagt sie. «Die Beziehung ist trotz allem asymmetrisch… Es ist ziemlich beängstigend für sie, sich dem Erwachsenen zu stellen.»
Berufsbildner ohne Zeit
Joséphine (Name geändert), Lernende in einem Männerberuf, versuchte ebenfalls zu alarmieren. Vergeblich. Sexistische Belästigung, obszöne Fotos, Schläge. «Man stellt sich Fragen: Warum tun sie mir das an? Habe ich es verdient?» Als der Lehraufsichtsbeamte zu Besuch kam, tadelte er sie für ihre Kleidung. Sie gab vor Ende ihres ersten Jahres auf, am Ende ihrer Kräfte. Sie versuchte, sich das Leben zu nehmen.
Intiative in Neuenburg fordert mehr Schutz für Lernende
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Im Kanton Neuenburg verlangt eine Volksinitiative mehr Schutz für Lernende, insbesondere durch unangemeldete Kontrollen in Betrieben. Sie hat fast 6000 Unterschriften gesammelt. Und spaltet den Kanton zutiefst.
Die Kantonsregierung und die Arbeitgeber rufen dazu auf, die Initiative abzulehnen. Sie bringe die Berufsbildner in Misskredit und gefährde das duale Bildungssystem. Eine Studie im Auftrag von 26 Neuenburger Wirtschaftsorganisationen kommt zum Schluss, dass 80 Prozent der Lernenden sich in ihrem Betrieb «gut bis sehr gut» fühlen. Nur 6 Prozent sagten, dass sie leiden.
Nadia Lamamra, Soziologin an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB), hat herausgefunden, dass 76 Prozent der Verantwortlichen für die Berufsbildung keinerlei zeitliche Entlastung für die Ausbildung haben. «Es ist ein duales System, das auf Miliztätigkeit basiert», sagt sie. «Man sieht den direkten Zusammenhang zwischen den Bedingungen für die Berufsbildner und der Gesundheit der Lernenden.»
Lana meldete sich bei der kantonalen Berufsbildungsstelle, um den Betrieb zu wechseln. Doch als einzige Antwort erhielt sie eine E-Mail, die ihr kühl die Risiken aufzeigte, falls sie ihren Arbeitgeber ohne dessen Einverständnis verlasse: Strafverfolgung wegen Vertragsbruchs. «Das hat mir sofort Angst gemacht.»
Wir haben das schönste System der Welt. Also hinterfragen wir nichts.
Nadia Lamamra, Forschungsleiterin an der EHB, bringt es so auf den Punkt: «In der Schweiz gibt es eine Schwierigkeit, eine Blindheit, die durch diesen Diskurs hervorgerufen wird: Wir haben das schönste System der Welt. Also hinterfragen wir nichts.»
Nach ihrer Rede wurde Lana gebeten, den Salon am nächsten Tag zu verlassen. Mit 22 Jahren sucht sie nun einen neuen Weg. Sie frisiert nur noch ihre Nahestehenden.
Ihr ehemaliger Berufsbildner wollte sich nur schriftlich äussern. Es habe Möglichkeiten gegeben, um Anliegen vorzubringen, schrieb er, und Lana habe «keinen Vorwurf formuliert».
Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe
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Erwachsene: Dargebotene Hand/Sorgentelefon
- Telefon (rund um die Uhr): 143
- Mail und Chat: www.143.ch
Kinder und Jugendliche: Pro Juventute
- Telefon (rund um die Uhr): 147
- Mail und Whatsapp: www.147.ch
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