Ex-Vizekanzler im Gespräch – Robert Habeck: «Ich fremdle mit den Jugendprotesten»

Zum ersten Mal gingen am Wochenende auch in Deutschland Jugendliche auf die Strasse. Als ehemaliger deutscher Minister für Wirtschaft und Klimaschutz beobachtet Habeck diese Jugendproteste mit einer Mischung aus Sympathie und Ratlosigkeit. Zudem spricht er über sein neues Buch zur Arktis, die er als geopolitischen Brennpunkt beschreibt.
Robert Habeck
Früherer deutscher Vizekanzler und Analyst
Robert Habeck war 2025 Kanzlerkandidat der Grünen. Nach der Niederlage an der Urne beschloss er im letzten Herbst, sich aus der Politik zurückzuziehen und sein Bundestagsmandat zurückzugegeben. Als Senior Analyst am Dänischen Institut für internationale Beziehungen liefert er der dänischen Regierung aussen- und sicherheitspolitische Analysen.
SRF News: Herr Habeck, in vielen Städten Europas protestieren junge Menschen. Hat die Politik, haben auch Sie in Ihrer Amtszeit, die Jungen vergessen?
Robert Habeck: Ich habe noch keine feste Meinung zu den Protesten. Die Gewalt, die es dabei gab, ist inakzeptabel und hat nichts mit Politik zu tun. Die Anliegen – Wohnungsnot, Klimaschutz, ein unterfinanziertes Bildungssystem – sind aber absolut berechtigt. Gleichzeitig sind die Forderungen so diffus, dass ich mir noch kein Bild machen kann. In der Politik habe ich gelernt: Wer alles fordert, fordert gleichzeitig nichts. Ich gebe zu, ich fremdle mit den Protesten.
Diese Haltung, dass sich jede Generation nur um ihre eigenen Belange kümmert, habe ich nie verstanden.
Warum?
Das Motto in Deutschland war «Gen Z regelt». Ich verstehe diesen Generationsansatz nicht. Soll ich als Angehöriger einer älteren Generation jetzt sagen: «Dann macht mal»? Soll ich Ratschläge geben oder bin ich der Gegner? Warum sollen sich ältere Menschen nicht für Klimaschutz einsetzen, wenn sie Kinder und Enkel haben? Und warum sollen sich Junge nicht für das Rentensystem interessieren? Diese Haltung, dass sich jede Generation nur um ihre eigenen Belange kümmert, habe ich nie verstanden.
Die Jugendlichen sind aber wegen Klimawandel, Krieg und KI mit grossen Unsicherheiten konfrontiert.
Das ist richtig. Gleichzeitig leben sie in einer Gesellschaft mit grossem Wohlstand. Wenn man die Flugmeilen einiger Protestierender zusammenrechnet, stösst man sicher auf Widersprüche. Mir fehlt bei den Protesten der Punch: Wohin soll es gehen? Was ist die konkrete, umsetzbare Forderung? Was würdet ihr tun, wenn ihr an der Macht wärt? Das habe ich noch nicht verstanden. Aber das mag an mir liegen.
Das Thema «Klima» führt uns zu Ihrem neuen Buch «The Arctic Meltdown». Sie zeigen den Einfluss des Klimawandels auf die Sicherheitspolitik und kommen zum Schluss: Die Arktis ist der Ort, an dem sich die Probleme unserer Zeit wie in einem Brennglas bündeln. Was meinen Sie damit?
In der Arktis erwärmt sich die Erde im Durchschnitt viermal schneller. Das ewige Eis schmilzt und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird die Arktis befahrbar, sie wird zugänglich. Das führt zu neuen Interessen und Konflikten zwischen drei Grossmächten, die es nicht gut mit Europa meinen: China, Russland und die USA.
Welche Interessen verfolgen diese Mächte?
China will Zugang zu kürzeren und sichereren Handelswegen. Russland fühlt sich bedroht, weil der Eisschild bisher seine U-Boot-Flotte und damit seine nukleare «Lebensversicherung» geschützt hat. Es rüstet seit zehn Jahren massiv auf. Und die USA unter Donald Trump haben vor allem Interessen an den Rohstoffen wie Öl und Gas.
Wir müssen uns klarmachen, dass Klimaveränderungen auch zu politischen Veränderungen führen.
Wie soll Europa darauf reagieren?
Wir müssen uns klarmachen, dass Klimaveränderungen auch zu politischen Veränderungen führen. Europa muss definieren, was seine Interessen in der Arktis sind. Und wir müssen erkennen, dass wir neue Allianzen brauchen, die über die EU hinausgehen – mit Partnern wie Island, Grönland, Norwegen, Grossbritannien oder Kanada. Diese Punkte müssen geklärt werden, damit wir, wenn die Dinge mal eskalieren sollten, vorbereitet sind.
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