Valposchiavo Calcio – Der etwas andere Fussballclub am Ende der Schweiz

Das beschauliche Bergdorf döst am Feierabend vor sich hin, der Verkehr ist überschaubar, der Fluss Poschiavo rauscht zwischen den Häusern hindurch und am beleuchteten Fussballplatz vorbei. Auf dem Kunstrasen trainiert die erste Mannschaft von Valposchiavo Calcio, dem lokalen Verein aus der 2. Liga regional.
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Bild 1 von 2. Training bei der ersten Mannschaft des Zweitligisten Valposchiavo Calcio. Bildquelle: SRF/Marco Nüssli.
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Bild 2 von 2. Trainer Tiziano Togni erklärt den Spielern eine Übung. Bildquelle: SRF/Marco Nüssli.
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Im Clubhaus nebenan sitzt Vereinspräsident Renato Cirolo. «Wir sind der kleine Zipfel im Süden. Damit wir Meisterschaft spielen können, haben wir endlose Wege zu bewältigen.» Tatsächlich ist Valposchiavo Calcio eine Ausnahmeerscheinung – in mehreren Hinsichten. Die geografische Lage macht vieles aussergewöhnlich.
Die Italiener
Valposchiavo Calcio ist der zweiterfolgreichste Club der Bündner Fussball-Gegenwart. Dabei sei dies nie das Ziel gewesen, sagt Cirolo. Chur 97 spielt in der gleichen Liga, ist momentan in der Tabelle aber besser klassiert.
- 1. Mannschaft seit vier Saisons in der 2. Liga regional
- Budget: knapp 200’000 Franken, finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde, lokale Sponsoren und Gönner
- 130 bis 140 Juniorinnen und Junioren (über 20 Trainer)
- Amtssprache: Italienisch
- Platz: Centro sportivo ai Cortini
Den Erfolg verdanken die Poschiavesi auch vielen Spielern aus dem Veltlin, dem benachbarten Italien. Sie machen das Team besser. Einer von ihnen ist Emanuele Benedetti, 21-jährig, Stürmer. Er wohnt in Sondrio, fährt 40 Minuten mit dem Auto nach Poschiavo zum Training und 40 Minuten zurück. Und dies dreimal pro Woche.
Benedetti verbrachte einst sechs Jahre in der Jugend des AC Milan, war U17-Nationalspieler Italiens, dort aber einer unter vielen. Zwei Knieverletzungen warfen ihn zurück. Heute werde er wertgeschätzt, das sei unbezahlbar: «Hierher zu kommen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.»
Das Training im Exil
Für andere Mitspieler ist die Anreise zum Training mit noch mehr Anfahrtszeit verbunden. So zum Beispiel für Daniele Rossi, 23-jährig, Verteidiger. Der Autolackierer wohnt und arbeitet in Chur. Fussball spielt er aber immer noch am liebsten zu Hause für Valposchiavo Calcio. «Poschiavo ist Heimat, dort habe ich Familie und Freunde. Da fahre ich gerne zwei Stunden hin.»
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Bild 1 von 3. Valposchiavo Calcio spielt im vielleicht hintersten Zipfel der Schweiz. Bildquelle: SRF/Marco Nüssli.
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Bild 2 von 3. Renato Cirolo ist seit zehn Jahren Präsident des Bündner Vereins. Bildquelle: SRF/Marco Nüssli.
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Bild 3 von 3. Das Clubhaus ist ein moderner Bau aus Holz und Beton. Bildquelle: SRF/Marco Nüssli.
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Damit Rossi aber nicht dreimal die Woche nach Poschiavo fahren muss, trainiert er einmal beim FC Ems mit. Hinzu kommt ein Training in Rhäzüns mit einer Gruppe von drei Exil-Puschlavern. Zum Abschlusstraining am Freitag geht es dann nach Poschiavo.
Die Auswärtsfahrten
Es sind weite Fahrten für die Poschiavesi. Auch zu den Spielen. Die kürzeste Auswärtsreise führt nach Ilanz oder Chur und dauert mit dem Auto fast zweieinhalb Stunden. In der laufenden Saison sind die Mannschaften grösstenteils aus dem St. Galler Rheintal, hinzu kommen Glarus oder Rapperswil-Jona.
Kein Nachteil, ist Clubpräsident Renato Cirolo überzeugt. Im Gegenteil: «Die Spieler sind stundenlang zusammen, nicht nur auf dem Platz oder beim Bier danach. Sie sitzen zusammen im Auto oder im Bus. Dadurch entstehen Freundschaften, das motiviert.»
Die No-Shows
Lange Fahrten für die Poschiavesi bedeuten im Umkehrschluss auch lange Anreisen für die Auswärtsteams, die nach Poschiavo kommen. Dies habe einen unglücklichen Nebeneffekt, besonders für den Nachwuchs, sagt Juniorenobmann Patrik Crameri: «Gewisse Teams kommen gar nicht erst. Das wird teilweise nicht oder sehr kurzfristig kommuniziert. Das ist sehr traurig, vor allem für die Kinder.» Pro Saison gibt es um die zehn Absagen, das jeweilige Team von Valposchiavo gewinnt forfait.
Es sind diese Randgeschichten, die den kleinen Fussballverein im beschaulichen Dorf am Rand der Schweiz zu einem besonderen machen. Im «kleinen Zipfel im Süden» und trotzdem erfolgreich.
Der Kanton Graubünden hatte weder im Frauen- noch im Männerfussball jemals einen Verein in der obersten Spielklasse. Chur 97 bzw. dessen Vorgängerverein FC Chur spielte von 1987 bis 1993 in der damaligen NLB. Der Verein entstand 1997 aus einer Fusion dreier Vereine und ist seither wohl der bekannteste der Bündner Fussballclubs. Einst spielten Otto Pfister oder Vladimir Petkovic für Chur.
Zu den bekanntesten Spielern, die mit Graubünden in Verbindung gebracht werden können, gehört Senad Lulic. Der ehemalige bosnische Nationalspieler startete als Teenager seine Karriere bei Chur 97. Der Schweizer Nationalspieler Nico Elvedi hat familiäre Wurzeln in der Val Lumnezia. Paul Friberg, in den 1980er-Jahren bei St. Gallen und Luzern tätig, stammt aus Brigels.
Livia Peng ist die wohl berühmteste Fussballerin aus Graubünden. Die Churerin ist Nationaltorhüterin und spielt seit über einem Jahr in der besten Liga der Welt, der englischen Women’s Super League, beim FC Chelsea in London. Zuvor war sie beim FC Zürich, in Schweden, Spanien und Deutschland tätig.
Regionaljournal Graubünden, 1.10.2026, 17:30 Uhr ; ledn; vonb;brus
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