Studie über Höflichkeit der Jugend: Generation Vielleicht

Eine Studie zeigt, dass junge Menschen weniger Siezen und „Bitte“ sagen. Unhöflich sind sie deshalb nicht. Ungemütlich schon.
A uf Frankreichs Straßen brennt es seit Wochen, in Serbien hat die Bevölkerung dank der Proteste der Studierenden den autoritären Machthaber abgewählt, in Albanien, Spanien, Italien, Belgien und auch in Deutschland will die Gen Z ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Das erfordert Mut und Durchsetzungskraft. Wer immer nur lieb fragt, dem wird nicht geholfen, das wissen wir alle. Die Zeiten des Bittstellerseins sind vorbei.
Lässt sich das auch an der Sprache der Gen Z feststellen? Denn gesamtgesellschaftlicher Wandel fängt dort an. Deshalb versuchte das Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld, in einer Online-Befragung herauszufinden, wie sich die Sprache der verschiedenen Generationen unterscheidet. Und macht es unter anderem an einem kleinen Wort fest: „Bitte“.
Das Fazit: Laut den Studienautor:innen nutzen jüngere Befragte nur bei etwa jeder vierten Bitte das tatsächliche Wort. Senior:innen geht das „Bitte“ leichter über die Lippen, sie benutzen es fast doppelt so oft.
Ist die Gen Z also unhöflicher, ruppiger, respektloser? Nicht ganz, sie mildert eben nur gern ab, hat also eine andere Form der Höflichkeit angenommen. Und dabei anscheinend ein neues Lieblingswort entdeckt. „Kannst du mir vielleicht 'ne Cola mitbringen?“ „Hast du vielleicht Zeit, mir zu helfen?“ „Ich bräuchte maybe dein Auto heute Abend.“ Das „Vielleicht“ ist in, das „Bitte“ out.
Die Jugend wird weicher
Ähnliche Hilfsmittel, wie der Konjunktiv, indirekte Formulierungen oder vorsichtige Fragen verwenden jüngere Befragte, um ja nicht zu direkt nach Hilfe zu bitten. „Der direktive Sprechakt“, wie die Forschungsautor:innen eine Bitte nennen, wird weicher.
Das hat vielleicht etwas mit Höflichkeit zu tun, aber vielleicht auch mit ihrer Realität. Klimakrise, Corona-Pandemie, Energieknappheit, der unsichere Jobmarkt, die teuren Lebenshaltungskosten – junge Erwachsene haben unsichere Zeiten erlebt und werden auch in Zukunft auf wackeligen Beinen durch das Leben gehen müssen, sollte es nach den etablierten politischen Kräften gehen.
Diese versuchen, sie kleinzuhalten. Junge Menschen werden allein für die Organisation einer Demo unter Generalverdacht gestellt, dazu als faul oder kleiner Pascha beleidigt. Deutschland ist damit nicht allein: Wir sehen, wie rechte Kräfte versuchen, die französischen Schulproteste zu delegitimieren, und ihnen vorwerfen, „unterwandert zu sein“. Auch für die serbischen Studierenden gab es wenig Unterstützung von anderen europäischen Regierungen – klar, für die meisten Regierungsparteien wäre es mindestens unschön, von der eigenen Jugend abgesetzt zu werden.
Daher ist es besonders wichtig, dass die Sprache, aus der öfter Unsicherheit zu hören ist, sich nicht auf das Handeln überträgt. Sich also nicht einschüchtern zu lassen von Repressionen, sich zu vernetzen, weiter auf die Straße zu gehen und sich gegen politische Machtverhältnisse zu wehren. Denn Höflichkeit muss nicht bedeuten, sich unterzuordnen. Und Radikalität muss nicht bedeuten, dass man respektlos miteinander umgeht.
Duzen oder Siezen?
Übrigens: Jüngere Befragte duzen auch mehr. Wer jetzt schreit, dass das ein Symptom davon sei, dass ihnen die Achtung vor Älteren fehle, dem sei gesagt: Ob ich jemanden respektiere, mich für die Person einsetze und ihr auf Augenhöhe begegne, ist am Ende nicht abhängig von der Ansprache.
Ein „Sie, verdammtes Arschloch“ ist nun wohl auch nicht viel respektvoller. Oder? Obwohl, vielleicht sollte sich die Gen Z das nochmal überlegen. „Merz, lecken Sie Eier“, kommt eigentlich ganz elegant über die Lippen.
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