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Tuesday, October 6, 2026

Ledermann liegt nach Kilchberger-Drama immer noch flach

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Beim schwingerischen Saisonhöhepunkt in Kilchberg ZH vor einigen Wochen gab es neben dem Festsieger Samuel Giger auch einen weiteren Gewinner. Marcel Bieri wurde der Schönschwingerpreis zugesprochen. Ein Fairnesspreis wurde nicht vergeben. Da wäre die Wahl mit Gewissheit auf den Berner Michael Ledermann (25) gefallen.

Im fünften Gang trifft er auf den Aargauer Nick Alpiger. Die Ausgangslage ist für beide vielversprechend. Selbst der Schlussgang liegt noch im Bereich des Möglichen. Ledermann bettet Alpiger ins Sägemehl, verliert aber für einen Moment den Griff an der Hose. Das Resultat wäre eigentlich ungültig. «Dann sassen wir nebeneinander am Boden. Nick hat mir die Hand gegeben und gesagt: ‹C'est la vie›», sagt Ledermann.

So ist das Leben. Mal hat man Glück, mal hat man Pech. Ledermann fackelt aber nicht lange. Er geht zur Überraschung aller zum Kampfrichtertisch und sagt, das Resultat sei ungültig. «Ich stellte mir kurz vor, dass ich in den Schlussgang gekommen wäre. Der grösste Erfolg meiner Karriere hätte einen Riesenmakel gehabt. Ich hätte gewusst, dass etwas nicht rechtens war.» Es wird weitergeschwungen, der Gang endet gestellt, der Schlussgangtraum platzt für beide. Alpiger herzt seinen fairen Kontrahenten.

Eine Geste mit Folgen

Der bescheidene Bauernsohn Ledermann redet eigentlich nicht mehr gerne über diesen Moment. Trotzdem ist diese Aktion im Schwingen, wo immer wieder Werte und Fairness gepredigt, aber nicht immer gelebt werden, die grösste Geste der Saison.

Vom Schicksal wird sie aber nicht belohnt. Denn im letzten Gang erwischt es Ledermann im Duell mit Mario Schneider ganz schlimm. Er fällt zu Boden, hört es im hinteren Oberschenkel dreimal knacken. Er will aufstehen, aber er kann das Bein nicht mehr belasten. Alle drei «Hamstrings», wie die Muskelgruppe genannt wird, sind gerissen. Bereits am nächsten Tag wird er operiert. Es werden im Becken drei kleine Haken für die Muskelstränge befestigt. Sechs Wochen mehr oder weniger flach liegen und das Bein nicht belasten, sagen ihm die Ärzte.

Netflix als Hauptbeschäftigung

Jetzt liegt Ledermann, der schon in jungen Jahren ein Zappelphilipp war, im Bauernhaus, das ihm die Eltern im letzten Frühling überlassen haben. Seit einer Woche kann er wieder auf einem Stuhl sitzen. «Dann schaue ich zum Fenster raus und sehe meinen Vater auf dem Hof arbeiten.» Vom vielen Netflix-Schauen hat er am Morgen danach schon Kopfweh gehabt. «Und den ganzen Tag Zeitung lesen kann ich ja auch nicht.» Aber eben, noch ist Beine stillhalten angesagt. «In zwei Wochen kann ich dann hoffentlich mit dem Training des Oberkörpers beginnen», sagt Ledermann.

Die Verletzung ist der zweite grosse Rückschlag in kurzer Zeit. In der letzten Saison hat sich Ledermann das Kreuzband gerissen. Damals hat er aber die Operation verschoben, weil er sich mit gezieltem Aufbautraining die Chance auf die Teilnahme am Eidgenössischen in Mollis GL aufrechterhalten wollte. Es hat geklappt, Ledermann stand mit gerissenem Kreuzband am Start. «Im Anschwingen bin ich auf Benjamin Gapany getroffen. Auch der war mit einem gerissenen Kreuzband im Einsatz. Wir haben dann beide den Kranz gewonnen.»

Ein Leatherman im Sägemehl

Ledermann gehört mittlerweile zu den festen Grössen im Land. Das hat sich als Jungschwinger nicht abgezeichnet. Da war der Berner immer der schwingerische Spargeltarzan und hat da wohl seinen unorthodoxen Stil entwickelt. Selten aus dem Stand, meist in der Flanke oder am Boden. Dort bearbeitet er seine Gegner mit seinen langen Armen und Beinen. Eigentlich macht er mit seinem Stil seinem Namen alle Ehre. Ledermann ist wie ein Leatherman. Ein Multifunktionswerkzeug, bei dem man im Gegensatz zu einem Sackmesser auch eine zusammenfaltbare Kombinationszange ausklappen kann.

Diesem Stil wird er treu bleiben. Früher hat er 90 Kilo gewogen, vor einigen Jahren hat er mehr als 20 Kilo draufgepackt. Durch das ewige Liegen in den letzten Wochen hat er wieder 10 Kilo verloren. «Wenn ich wieder voll trainieren kann, geht das schon wieder aufwärts. Ein Schwergewicht werde ich nie. Aber Michael Moser ist auch in meiner Gewichtsklasse und schwingt sensationell», sagt Ledermann.

In den nächsten Jahren möchte der 25-jährige Berner noch weiter an der Spitze mitschwingen. Und dann den elterlichen Bauernhof übernehmen. Und möglichst bald wieder selber anpacken – nicht nur dem Vater durchs Fenster beim Arbeiten zuschauen.

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