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Tuesday, November 3, 2026

Hatte Jucker wirklich einen Promi-Bonus?

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  • Der verstorbene SRF-Sportreporter Hans Jucker war 1971 wegen Kindesmisshandlung verurteilt worden.
  • Trotzdem gab es zeitlebens nie einen Skandal um seine Person.
  • Der Historiker Markus Furrer erklärt im Interview, dass die damalige Tabuisierung der Sexualität die Gesellschaft wegschauen liess.
  • Kindesmisshandlung wurde häufig nicht als Problem wahrgenommen.
  • Heimkinder wurden von Tätern als «Freiwild» angesehen.

Der verstorbene SRF-Sportreporter Hans Jucker wurde 1971 wegen schwerer sexuellen Misshandlung von fünf jungen Männern aus einem Kinderheim verurteilt. Trotzdem machte er beim Schweizer Fernsehen Karriere und war bis zu seiner Pensionierung 2011 eine gern gesehene TV-Grösse. Wie war das möglich? Im Interview ordnet der Historiker Markus Furrer, der vor einigen Jahren die Misshandlungsfälle in Luzerner Heimen untersuchte, die damaligen Verhältnisse ein.

Herr Furrer, wie wurde sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Schweiz um 1970 gesellschaftlich wahrgenommen?

In dieser Zeitphase war Sexualität trotz der sexuellen Revolution der 68er noch stark tabuisiert. Dies führte dazu, dass sich die Gesellschaft der Problematik sexueller Gewalt und Übergriffe in Heiminstitutionen kaum bewusst war. Und wenn doch, dann kam häufig der Reflex des Wegschauens – nicht zuletzt, wenn diese Übergriffe von Personen mit Autorität ausgingen.

Hans Jucker verging sich an Jungen: Wurden Übergriffe auf Jungen anders wahrgenommen als solche auf Mädchen?

Als Folge der starken Tabuisierung spielte der Geschlechterunterschied gar keine so grosse Rolle. Im Fall Jucker dürfte der Aspekt der Homosexualität den Reflex der Gesellschaft, wegzusehen, noch verstärkt haben.

Jucker suchte seine Opfer offenbar gezielt unter Heimjugendlichen aus. Waren sie für ihn leichte Beute?

Auf jeden Fall. Er konnte seine Autorität und Macht ausspielen. Vielfach waren ihm die Jugendlichen schlicht ausgeliefert. Dazu kam, dass mit den Übergriffen das Scham- und Schuldgefühl der Betroffenen geweckt wurde und viele zum Schweigen brachte. Sie hätten sich auch nicht wehren können. Denn wer hätte ihnen geglaubt?

«Jucker nutzte die gesellschaftliche Stigmatisierung der betroffenen Jugendlichen im Heim aus»

Markus Furrer

Wurde sexuelle Gewalt gegen Heimjugendliche generell als weniger schlimm wahrgenommen? Jucker selber soll gesagt haben, die benachteiligten Jugendlichen seien «ohnehin schon verdorben».

Genau das ist der Punkt! Jucker argumentierte selbst damit und nutzte die gesellschaftliche Stigmatisierung der betroffenen Jugendlichen im Heim aus. Dieses Phänomen zeigte sich auch in anderen Situationen.

So berichteten etwa Frauen, die in Heimen waren, nicht nur über erfahrene sexuelle Gewalt im Heimbetrieb, sondern auch über Vergewaltigungen nach ihrer Entlassung. Täter nutzten aus, dass diese jungen Frauen gesellschaftlich stigmatisiert waren und so zum «Freiwild» wurden. In einer solchen Ausgangslage war es für Betroffene sehr schwierig, sich zu wehren.

Markus Furrer

Privat

Markus Furrer war bis 2022 Professor für Zeitgeschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Privatdozent für Zeitgeschichte an der Universität Fribourg. Er arbeitet heute als freischaffender Zeithistoriker mit Schwerpunkten in der Sozial- und Politikgeschichte sowie zu Fragen der Geschichtsvermittlung.

Jucker konnte trotz der Verurteilung eine Karriere beim SRF machen. Wurden Arbeitgeber nicht informiert oder schauten Arbeitgeber damals eher weg?

Ich gehe davon aus, dass der Arbeitgeber nicht über die Verurteilung informiert worden war. Hier muss aber die von SRF angekündigte interne Untersuchung Antworten liefern. Generell kann aber gesagt werden, dass Arbeitgeber damals aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung der Thematik auch wenig sensibilisiert waren.

Offenbar wussten mehrere Personen von Juckers Verurteilung, so musste er etwa sein Amt als Gemeindeschreiber von Affoltern abgeben. Wieso gab es trotzdem keinen Skandal, wie er heute zu erwarten wäre?

Diese Nicht-Skandalisierung kann man sich nur mit dem damals anderen gesellschaftlichen Bewusstsein erklären. Wohl wussten Insider, was er gemacht hatte. Deshalb taugte er nicht mehr als Gemeindeschreiber. Doch in der Öffentlichkeit warf das keine Wellen.

«In vielen Bereichen ist Wegschauen nach wie vor eine verbreitete Strategie»

Markus Furrer

Profitierte Jucker von einer Art Promi-Bonus?

Sein Ansehen als bekannte Grösse dürfte dazu beigetragen haben, dass die Gesellschaft als Ganzes weggeschaut hat. Solche Personen wurden damals gar nicht hinterfragt. Und trotz des Wertewandels, der sich in der #MeToo-Bewegung niederschlug, befinden wir uns noch immer in einer Gesellschaft, in der Autorität eine oft unhinterfragte Rolle spielt. In vielen Bereichen ist Wegschauen nach wie vor eine verbreitete Strategie im Umgang mit Konflikten.

Oft heisst es bei historischen Fällen: «Das war damals eine andere Zeit.» Taugt dieser Satz als Ausrede?

Er zeigt vor allem, dass der Kindesmisshandlung in weiten Teilen der Gesellschaft nicht als Problem wahrgenommen wurde. Die Menschen beschäftigten sich nicht damit, schauten weg und schoben die Schuld lieber den Betroffenen zu. Das darf aber aus heutiger Sicht keine Ausrede sein. Vielmehr ist es ein Warnzeichen an die heutige Gesellschaft. Sie muss sich ihrer Schwächen und Auslassungen bewusst werden und die damaligen Fälle schonungslos aufklären.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio, Beforemore und bei den UPK Basel.

Jean-Claude Gerber

Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.

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