Elternschaft unter Druck – Kinderarzt: «Kinder brauchen keine perfekten Eltern»

Zwei Drittel der Eltern fühlen sich erschöpft und nervös und fast zehn Prozent bereuen es, Kinder zu haben. Der Entwicklungs-Kinderarzt Oskar Jenni erklärt, warum Perfektionismus in der Erziehung schadet und weshalb Wärme wichtiger ist als gute Noten.
Oskar Jenni
Kinderarzt
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Oskar Jenni ist Kinderarzt und Entwicklungspädiater. Er ist Professor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich und beschäftigt sich insbesondere mit der körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklung von Kindern. Er publiziert Bücher und hält Vorträge zur kindlichen Entwicklung, Erziehung und den unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern.
SRF News: Woher kommt der Druck auf die Eltern?
Oskar Jenni: In der Familie kulminieren sich die grossen gesellschaftlichen Veränderungen: ein hohes Tempo im Alltag, ein starker Individualismus und vor allem ein enormer Perfektionismus. Eltern haben das Gefühl, sie seien allein für das Gelingen der Kindheit verantwortlich. Wenn es gut läuft, ist alles in Butter. Wenn nicht, sind sie schuld. Dieser Druck ist für viele eine grosse Belastung.
Die Folgen sind gravierend. Sie sprechen davon, dass fast 10 Prozent der Eltern es bereuen, Kinder zu haben.
Ja, das Phänomen nennt sich «Regretting Motherhood/Fatherhood». Das heisst nicht, dass diese Eltern ihre Kinder nicht lieben. Aber die Belastungen sind so gross, dass sie im Nachhinein bereuen, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Das zeigt, wie sehr Eltern unter Druck stehen.
Ein Kind braucht das Gefühl von Gemeinschaft, nicht zwingend Sechser in der Schule.
Ihr Gegenrezept lautet: «Kinder brauchen keine perfekten Eltern». Was meinen Sie damit?
Perfektionismus passt nicht zur Elternschaft. Wir alle machen jeden Tag Fehler im Umgang mit unseren Kindern. Das ist normal und wichtig. Kinder sind robust und halten auch Fehler aus, solange das familiäre Klima grundsätzlich warm und liebevoll ist. In einer solchen Atmosphäre darf auch mal ein Gewitter aufziehen. Entscheidend ist, wie man danach wieder zueinanderfindet.
Dürfen auch Kinder durchschnittlich sein?
Natürlich. Es kann nicht jeder ein Superstar sein. Wir müssen uns bewusst machen, was im Kern des Menschseins liegt: gute Beziehungen zu haben und mit anderen zusammen zu sein. Ein Kind braucht das Gefühl von Gemeinschaft, nicht zwingend Sechser in der Schule.
Die weichen Faktoren in der Kindheit sind für die Lebenszufriedenheit im Alter wichtiger als Schulerfolg.
Sie leiten die Zürcher Langzeitstudie, welche Menschen seit 70 Jahren begleitet. Was macht ein Kind langfristig zu einem glücklichen Erwachsenen?
Die zentralste Erkenntnis ist, dass die weichen Faktoren in der Kindheit, also gute Beziehungen, emotionale Wärme und psychische Gesundheit, für die Lebenszufriedenheit im Alter viel wichtiger sind als Intelligenz oder Schulerfolg. Kinder, die in den ersten Lebensjahren Geborgenheit erfahren, haben die besten Voraussetzungen, um später mutig und zuversichtlich durchs Leben zu gehen.
Zürcher Longitudinalstudien (Lanzeitstudien)
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Fast 1000 Menschen sind Teil der Zürcher Longitudinalstudien. Seit 1954 untersuchen Forschende die Gesundheit und die Entwicklung von Personen von der Geburt bis ins Alter.
Dafür haben sie sie während der Kindheit etwa 25-mal für einen halben Tag gesehen. Sie haben ihre Sprache geprüft, die Intelligenz getestet, die Körpermasse gemessen. Zudem haben sie soziale Aspekte der Familie erhoben und die Eltern gefragt, wie sie die Kinder erziehen. Die ältesten Probandinnen und Probanden sind inzwischen 70 Jahre alt.
Oskar Jenni und sein Team sitzen damit auf einer riesigen Datenbasis. Sie haben etwa 20 Millionen Datenpunkte erhoben, die fortlaufend ausgewertet werden. Sie wollen so herausfinden, welche Faktoren in der Kindheit entscheidend für das gesamte Leben sind.
Heisst das, man sollte als Elternteil weniger streng sein? Wenn mein Sohn Brokkoli nicht essen will, muss ich ihn also nicht zwingen?
Nein, Druck bewirkt beim Essen das Gegenteil. Die Regel ist einfach: Die Eltern entscheiden, was auf den Tisch kommt, aber das Kind entscheidet, ob und wie viel es davon isst. Manchmal muss man Brokkoli 20-mal anbieten, bis ein Kind ihn mag. Aber zwingen sollten Sie es nie. Wichtig ist, dass Sie dem Kind zugewandt bleiben, auch wenn Sie Grenzen setzen. Diese liebevolle Haltung ist entscheidend.
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