An der Grenze Belarus-Ukraine – Der beschwerliche Weg von der besetzten in die freie Ukraine

Die Schnellstrasse durch den dichten Wald im äussersten Nordwesten der Ukraine ist verwaist. Früher herrschte reger Verkehr, der Güterverkehr vom Baltikum in die Türkei brauste hier durch. Seit der russischen Grossinvasion ist die Grenze zwischen der Ukraine und Belarus befestigtes Sperrgebiet. Denn Belarus ist mit Russland verbündet, alle Grenzübergänge sind zu.
Die Fahrt führt an Minenfeldern und Panzersperren vorbei, stellenweise ist die Strasse durch Anti-Drohnen-Netze geschützt.
Der Weg endet am Grenzübergang Domanowe. Er ist geschlossen, wird aber als sogenannter humanitärer Korridor genutzt. Nur hier können ukrainische Staatsbürger aus den russisch besetzten Gebieten über Belarus direkt in die freie Ukraine gelangen. Sie müssen zu Fuss gehen.
«Manchmal zerreisst es mir das Herz»
Ein Soldat öffnet den Schlagbaum, eine Frau mit Rollkoffer und ein älterer Mann, am Stock gehen über die Grenze. Serhii, ein freiwilliger Helfer, streckt dem alten Mann die Hand hin. Er könne sich nun entspannen, sagt Serhii und deutet auf mehrere Container. Dort gebe es etwas zu essen, Internetzugang und SIM-Karten. Der Mann will als Erstes seine Familie anrufen.
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Bild 1 von 2. Helfer Serhii inmitten von Geflüchteten. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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Bild 2 von 2. Im Container der Hilfsorganisation «Helping to leave» stapeln sich die Hilfsgüter. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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In einem der Container hat Helfer Serhii, ein energischer Mann mittleren Alters, seinen Stützpunkt. Er bittet herein und deutet auf Stapel mit Hilfsgütern.
«Wir haben Windeln für Gehbehinderte, Erfrischungstücher, Wasser. Alle verlangen nach Wasser und nach einer ukrainischen SIM-Karte. Wir tun, was wir können.» Viele sind so entkräftet, dass sie im Rollstuhl über die Grenze gefahren werden müssen.
Serhii organisiert Fahrkarten für den Bus in die nächste Stadt, erklärt, wo man eine erste kostenlose Unterkunft und etwas Warmes zu essen findet. Er ist für die Hilfsorganisation «Helping to Leave» tätig.
Hilfe hinter der Front
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Die Organisation «Helping to leave» leistet humanitäre Hilfe und hilft bei der Evakuierung: in frontnahen und in von Russland besetzten Gebieten, aber auch innerhalb Russlands; dort hilft die Organisation verschleppten Ukrainerinnen und Ukrainern.
Zunächst waren es Freiwillige, die sich nach Beginn der russischen Grossinvasion über die sozialen Medien koordinierten. Heute sind mehr als 300 Menschen aus mehreren Ländern für die Organisation tätig, vor Ort oder aus der Distanz.
Die Geflüchteten sind tagelang unterwegs, sie müssen über Russland und Belarus reisen. Und sie erzählen haarsträubende Geschichten – Geschichten, die Serhii nahegehen. Er könnte ein ganzes Buch mit diesen Geschichten schreiben, sagt er. Vor allem die Kinder täten ihm leid, Kinder, die sagten: Mama, ich würde so gerne mal wieder eine richtige Suppe essen. Tränen steigen Serhii in die Augen. Er sei zwar stark, aber manchmal zerreisse es ihm das Herz.
Marias Flucht aus der Besatzung
Vor den Containern, die als Empfang dienen, flattert eine ukrainische Fahne im Wind. Auf einem Plakat steht: «Willkommen zu Hause.» In einem der Räume stehen eine Bar, ein Tisch und mehrere Stühle.
Die 69-jährige Maria ist soeben angekommen und wurde von ihrer Tochter Larissa in Empfang genommen. Maria löffelt Fertigsuppe aus einem Becher: Sie hat ein verschmitztes Lächeln, wirkt aber etwas verwahrlost. Sie hat fettige Haare, trägt abgetragene Kleider. Der Stress der Reise und der letzten Monate ist ihr anzusehen.
Sie ist aus einem Dorf in der russisch besetzten südukrainischen Region Cherson. Dort sei es gefährlich, es werde geschossen, es gebe Angriffe mit Drohnen. «Ich habe lange ausgeharrt, so lange, bis ich nicht mehr konnte.»
Seit zwei Jahren schon gebe es in dem Dorf nichts mehr, sagt die Tochter, und die Mutter ergänzt: «Keine Läden, keine medizinische Versorgung. Ich musste in ein anderes Dorf fahren, um Essen aufzutreiben.»
Sogar das ist gefährlich. Maria erzählt, dass in einem Nachbardorf Menschen durch Drohnen getötet wurden, als sie für Brot anstanden.
Noch so einen Winter hätte ich nicht überlebt.
Der Strom wurde vor drei Jahren gekappt, vor zwei Jahren das Gas. Die russischen Besatzer überlassen die Dörfer ihrem Schicksal. «Wie ich geheizt habe? Ich habe mit einem Messer Holz geschnitten und es im Ofen verbrannt. Mein verstorbener Mann hätte richtig Holz schlagen können, aber alleine schaffte ich das nicht. Noch so einen Winter hätte ich nicht überlebt.»
Humanitäre Katastrophe in Oleschky
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Besonders dramatisch ist die humanitäre Lage in Oleschky am östlichen Ufer des Flusses Dnipro. Vor dem Krieg lebten rund 24’000 Menschen in der Stadt, heute sind es geschätzt 2000.
Anders als die Stadt Cherson auf der anderen Seite des Dnipro, die von der Ukraine zurückerobert wurde, bleibt Oleschky besetzt. Zunächst benutzten die russischen Streitkräfte den Ort als Ausgangspunkt für Angriffe auf Cherson. Sie haben sich aber gemäss ukrainischen Quellen zunehmend in bewaldete Gebiete hinter der Stadt zurückgezogen, um besser vor ukrainischen Drohnen geschützt zu sein.
Gleichzeitig verminten die Besatzer die Zugänge zur Stadt, die Versorgung wurde unterbunden, Fahrzeuge werden beschossen, was zu einer dramatischen Unterversorgung der Bevölkerung geführt hat. Es gibt Berichte über Hungertote, Leichen können offenbar nicht geborgen werden, Verwundete werden nicht versorgt.
Die ukrainischen Behörden rufen nach einem humanitären Korridor, damit die Zivilbevölkerung evakuiert werden kann, was bisher nur vereinzelt gelang.
Vor Ort harren vor allem Alte und Kranke aus, aber auch Kinder sollen noch in der Stadt sein. Man vermutet, dass Russland die Menschen nicht ausreisen lassen will, weil ihre Präsenz die ukrainischen Streitkräfte daran hindert, die Stadt entschieden anzugreifen. Russland wiederum macht geltend, die dramatische humanitäre Lage sei das Resultat von ukrainischem Beschuss.
Für die mehrtägige Reise zahlte Maria einem privaten Transportunternehmen umgerechnet 300 Dollar. Reisen ist gefährlich, Strassen sind vermint oder werden bombardiert.
Wiedersehen an der Grenze
In diesen Tagen kommen viele Menschen aus dieser Region am Grenzübergang Domanowe an. Manche haben – wie Maria – den russischen Pass annehmen müssen, ansonsten hätten sie weder Rente erhalten noch humanitäre Hilfe, und sie hätten auch keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können.
Alle Geflüchteten werden an der Grenze von den ukrainischen Behörden befragt. Sie müssen ein Dokument vorweisen, das ihre ukrainische Staatsangehörigkeit belegt: idealerweise einen Pass, es kann aber auch eine Geburtsurkunde sein, ein Fahrausweis oder Ähnliches.
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Bild 1 von 4. Auf dem Weg zum Grenzübergang Domanowe ist die Strasse stellenweise durch Anti-Drohnen-Netze geschützt. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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Bild 2 von 4. Belarus bewacht die Grenze zur Ukraine eng. (Bild vom Januar 2025 an der Grenze in der Region Novaya Guta). Bildquelle: IMAGO/SNA.
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Bild 3 von 4. Die meisten Grenzübergänge zwischen Belarus und der Ukraine wurden geschlossen, wie dieser in der Region Gomel. (Bild: Januar, 2025). Bildquelle: IMAGO/SNA.
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Bild 4 von 4. Der Korridor in Domanowe ist für viele aus den von Russland besetzten Gebieten zurück in die freie Ukraine. Bildquelle: IMAGO / News Licensing.
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Wer alles verloren hat, kann sich im ukrainischen Konsulat im belarussischen Brest helfen lassen und dann die Grenze überqueren. Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes treffen derzeit jeden Tag etwa 50 Menschen in Domanowe ein.
Etwas abseits, den Grenzübergang fest im Blick, steht ein Soldat mit einem Blumenstrauss in der Hand. Er wartet auf seine Mutter. Fast fünf Jahre habe er sie nicht mehr gesehen, sagt er. Sie habe einfach nicht gehen wollen, alles Zureden habe nichts genützt. Erst als sie krank geworden sei, habe sie sich zur Flucht entschlossen. Sie fuhr zuerst durch die besetzten Gebiete, dann über Russland und schliesslich Belarus.
In den besetzten Gebieten herrscht völlige Anarchie. Es gilt kein Gesetz, weder das russische noch das ukrainische.
Ohne die Hilfe von Freiwilligen hätte sie das nicht geschafft. Eine von ihnen ist anwesend und sagt: «Am gefährlichsten ist es, in den besetzten Gebieten zu reisen, viel gefährlicher als in Russland. Denn in den besetzten Gebieten herrscht völlige Anarchie. Es gilt kein Gesetz, weder das russische noch das ukrainische. Sie können tun, was ihnen passt.»
Bewegung kommt auf, eine weitere Frau hat die Grenze überquert. Doch es ist nicht die Mutter des Soldaten. Er muss weiter warten, bis er sie nach Stunden endlich in die Arme schliessen kann.
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