Diese Sprüche eurer Eltern sagt ihr heute auch – und daran liegts

«Entschuldigungen will ich nicht hören, davon hab ich schon den ganzen Keller voll.» Diesen Satz hörte 20-Minuten-Leser Markus (41) als Kind von seinem Vater ständig – und hasste es. Heute ist er selbst Vater. Und musste kürzlich feststellen: Er sagt ihn inzwischen auch zu seinem Sohn. «Ich habe mich in letzter Zeit schon zweimal dabei erwischt», erzählt er. Das beschäftige ihn, weil er nie so mit seinem Sohn habe umgehen wollen. «Irgendwie schäme ich mich auch dafür. Ich möchte mir das unbedingt wieder abgewöhnen.»
Damit ist er nicht allein. Unter den 20-Minuten-Lesern und -Leserinnen kennen viele diesen Moment, in dem plötzlich die Sprüche von Mama, Papa oder den Grosseltern aus dem eigenen Mund kommen, wie ein Aufruf an unsere Community zeigt. Sarah (41) verabschiedet ihre Kinder abends mit «Tröim vomne suure Öpfu» – genau wie früher ihre Mutter. «Wir wissen alle nicht, was es bedeutet. Aber das ist nicht wichtig.» Claudia (42) warnt ihre Kinder: «Wenn du noch länger TV schaust, kriegst du viereckige Augen.» Mattia (28) antwortet auf die Frage «Isch das neu?» instinktiv mit «Nei, mit Perwoll gwäsche». Sein Fazit: «Meine Mutter hat mich konditioniert.»
Wie ähnlich bist du mittlerweile deinen Eltern geworden?
Darum klingen wir plötzlich wie Mama und Papa
Dass solche Sprüche und Verhaltensweisen hängen bleiben, ist kein Zufall. «Viele Verhaltensweisen unserer Eltern haben wir über Jahre beobachtet und durch sogenanntes Modelllernen und Wiederholung verinnerlicht», erklärt Therapeutin Tharsika Bühler. Kinder beobachten, wie ihre Eltern reagieren, sprechen oder mit bestimmten Situationen umgehen, und speichern diese Muster ab.
Je häufiger wir etwas erleben, desto vertrauter wird es. So können bestimmte Reaktionen mit der Zeit fast automatisch abrufbar werden. Das gilt auch dann, wenn wir uns später bewusst vornehmen, anders zu handeln. «Zu wissen, wie man nicht reagieren möchte, bedeutet noch nicht, eine neue Alternative verinnerlicht zu haben.»
Über die Expertin
So kann sich jemand etwa vornehmen, die eigenen Kinder nie so zu stressen wie früher die Mutter. Wird es morgens jedoch mal hektisch, kann trotzdem derselbe scharfe Ton zum Vorschein kommen. Nicht, weil man sich bewusst für die Reaktion entscheidet, sondern weil sie vertraut ist und in diesem Moment schneller verfügbar ist als eine neue.
«Auch sprachliche Muster prägen sich durch jahrelange Wiederholung ein», sagt Bühler. Deshalb können Formulierungen, die wir als Kinder unzählige Male gehört haben, Jahre später aus dem eigenen Mund kommen. Das kennt auch 20-Minuten-Leser Roj (32). Wollte er früher einen Rat seiner Mutter nicht befolgen, sagte sie: «Ratschläge sind Schläge.» Heute verwendet er den Satz selbst.
Top 10 Sprüche aus der Community
Wir haben die 20-Minuten-Community gefragt, welche Sprüche ihrer Eltern sie heute selbst sagen. Diese zehn wurden besonders häufig genannt:
1. «Solange du deine Füsse unter meinem Tisch hast …»
2. «Altes Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart»
3. «Us emene Lächli gits es Bächli»
4. «Früher war alles besser»
5. «Was man nicht im Kopf hat …»
6. «Je älter, je aff»
7. «Was du nicht willst, das man dir tut …»
8. «Salat kann man immer essen»
9. «Von nichts kommt nichts»
10. «Solange du bei mir wohnst, mache ich die Regeln»
Nervige Sprüche ergeben plötzlich Sinn
Dazu kommt etwas, das sich als Kind kaum vorhersehen lässt: Wir wechseln irgendwann die Rolle. Ein Satz wie «Dafür wirst du mir später dankbar sein» kann furchtbar nerven. Als Erwachsene oder selbst als Eltern erleben wir ähnliche Situationen plötzlich von der anderen Seite. «Wir verstehen eher, was unsere Eltern damit ausdrücken wollten», sagt Bühler. Und schon erscheint ein früher verhasster Satz erstaunlich passend.
Nicht jede Übernahme ist dabei unfreiwillig. Manche Sprüche werden zu einer Art Tradition. Andy (64) etwa sagt heute den Satz seines Vaters: «Mit Furtz kann man keine Ostereier färben.» Gemeint sei: Von nichts kommt nichts. Lukas (31) hat den Rat seines Grossvaters für den Strassenverkehr übernommen: «Im Zweifel nie.»
Was ist Persönlichkeit, was ist gelernt?
Ob etwas zur eigenen Persönlichkeit gehört oder über Jahre angelernt wurde, «lässt sich selten klar voneinander trennen», so Bühler. Temperament und Persönlichkeit beeinflussten etwa, wie sensibel, impulsiv oder zurückhaltend wir auf Situationen reagieren. «Wie wir mit diesen Gefühlen umgehen und sie ausdrücken, lernen wir stark durch unsere Erfahrungen und unser Umfeld.»
Das zeigt sich etwa bei Konflikten. Zwei Menschen können in einem Streit ähnlich verletzt reagieren, aber ganz unterschiedlich damit umgehen. «Wer in seiner Familie erlebt hat, dass Konflikte angesprochen werden, sucht eher das Gespräch. Wer gelernt hat, dass man Spannungen besser vermeidet, zieht sich zurück.»
Wird eine solche Reaktion über Jahre immer wiederholt, kann sie zur Gewohnheit werden. «Deshalb ist es meist keine Frage von Persönlichkeit oder Erziehung, sondern ein Zusammenspiel aus persönlichen Voraussetzungen, Lernerfahrungen und wiederholten Gewohnheiten.»
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Müssen wir uns das abgewöhnen?
Nicht unbedingt. Denn von unseren Eltern übernehmen wir auch Humor, Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Rituale oder einen liebevollen Umgang. «Negative Ähnlichkeiten fallen uns stärker auf», sagt Bühler. Wer sich mit einer nervigen Angewohnheit der eigenen Mutter ertappt, denkt schnell: Ich werde wie meine Mutter. Dass man womöglich auch ihre Herzlichkeit übernommen hat, fällt weniger auf. Entscheidend sei deshalb nicht, ob ein Verhalten von den Eltern stammt. Wichtiger ist, ob es heute noch zu einem selbst, zu den eigenen Beziehungen und den eigenen Werten passt.
Diese Fragen können helfen:
Wer herausfinden will, ob ein übernommenes Muster bleiben darf oder besser verändert werden sollte, kann sich laut der Therapeutin folgende Fragen stellen:
- Welche Wirkung hat mein Verhalten heute?
- Unterstützt es mich und meine Beziehungen oder sorgt es immer wieder für Stress, Konflikte oder Verletzungen?
- Kann ich je nach Situation auch anders reagieren oder habe ich das Gefühl, gar keine Wahl zu haben?
Konkrete Redewendungen und Gewohnheiten lassen sich häufig leichter verändern, sobald wir sie bemerken und bewusst eine Alternative einüben. Tiefer sitzen dagegen Muster, die mit starken Emotionen, Beziehungen oder dem eigenen Selbstbild verbunden sind – etwa Konflikten auszuweichen, schlecht Nein sagen zu können oder es allen recht machen zu wollen.
Was hast du von deinen Eltern übernommen, obwohl du dir früher geschworen hast, es anders zu machen?
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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