So radikal gehen andere Länder gegen Wuchermieten vor

Wohnungskrise in Spanien
So radikal gehen andere Länder gegen Wuchermieten vor
Hohe Wohnkosten sind in vielen Ländern ein gewaltiges Problem: Einige Länder und Städte haben deshalb weitreichende Massnahmen ergriffen.
Publiziert: vor 29 Minuten
- In Spanien zahlen viele Mieter über 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen
- Die österreichische Hauptstadt Wien setzt auf Sozialbau, das neuseeländische Auckland auf mehr Dichte
- Im japanischen Tokio wird beschleunigt gebaut, Singapur und Basel begrenzen Mieten
Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft
Die spanische Wohnungskrise hat fatale Folgen: Rund 40 Prozent der Mieter geben mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aus. In den grossen Zentren wie Madrid und Barcelona liegt der Anteil gar deutlich höher, wie Daten des nationalen Statistikamts zeigen. Die Wohnungskrise ist für viele auch eine Konsumkraftkrise.
Junge Menschen können sich den Auszug von daheim kaum leisten. Deshalb leben Spanier im Schnitt bis Anfang 30 bei ihren Eltern. Die Wohnungskrise in Spanien ist jedoch hausgemacht. Andere Städte und Länder haben deutlich sinnvollere Wege gefunden, wie sie ihren Immobilienmarkt regulieren.
Wien: Stadt am Drücker
Barcelona ist bereits eine der am stärksten verdichteten Städte in Europa. Höher will man nicht bauen, damit ausreichend Licht und frische Luft in die Häuserschluchten gelangen. Die hohe Nachfrage und das limitierte Angebot lässt folglich kontinuierlich die Mieten steigen. Die spanische Regierung förderte jahrzehntelang den Eigenheimkauf, den sozialen Wohnungsbau hat sie vollständig vernachlässigt, und er ist praktisch inexistent – auch in Barcelona.
Wien hingegen setzt seit über 100 Jahren auf den sozialen Wohnungsbau: 60 Prozent der Bevölkerung leben in Stadtwohnungen oder in geförderten Wohnbauobjekten wie Genossenschaften. Zudem ist auch der Altbaubereich stark reguliert. Der positive Effekt ist, dass die Bewohner im Vergleich zu anderen Grossstädten einen deutlich geringeren Teil ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Eine negative Folge: In den knapp 10 Prozent der Bauten, die nicht reguliert sind, sind die Mieten in den letzten Jahren sogar noch stärker gestiegen als andernorts.
Auckland: Massive Deregulierung
Die Stadt Auckland in Neuseeland reagierte auf ihre Wohnungskrise mit einer flächendeckenden Deregulierung: Im November 2016 schaffte die Stadt die klassischen Einfamilienhaus-Zonen ab. Auf rund 75 Prozent des städtischen Wohnbaugebiets waren plötzlich mehrstöckige Reihenhäuser oder Apartmenthäuser erlaubt. Während die Mieten im übrigen Land zwischen 2017 und 2024 um durchschnittlich 34 Prozent zulegten, stiegen sie in Auckland nur um 22 Prozent. Auch staatliche Wohnbaugenossenschaften nutzten die neue Möglichkeit intensiv. Kritiker bemängeln, dass Infrastrukturen wie Schulen oder Abwassersysteme mit dem rasanten Ausbau nicht mithalten konnten.
2:28
Schweiz dominiert die Top Ten:Das ist die teuerste Stadt der Welt
Tokio: Häuser als Wegwerfprodukt
Das Zentrum ist extrem teuer. Die japanische Regierung schafft es jedoch mit ihren Regulierungen, die Wohnkosten in den Aussenbezirken im Zaum zu halten. Genehmigungen gibt es unkompliziert und schnell, Anwohner können Projekte kaum verhindern. Zudem sind die Baukosten verhältnismässig tief, da die Immobilien als Konsumgut betrachtet werden. Der Grund: Mitten in einer Erdbebenregion kommt es immer wieder zu schärferen Erdbebenregulierungen, die alte Häuser nicht mehr erfüllen. Sprich: Sterben die Bewohner, wird oft abgerissen, noch kleiner parzelliert und Hauswand an Hauswand höher gebaut. Die hellhörigen Leichtbauten erfordern strikte Regeln für die Nachtruhe.
Singapur: Boden enteignet
Singapur hat die Landbesitzer ab 1967 grossflächig enteignet. Der Grund: Der Boden im Kleinstaat ist extrem begrenzt und sollte der Spekulation entzogen werden, damit Wohnen für die Menschen wieder bezahlbar wird. Der Staat lässt grosse Komplexe bauen und Einheimische können darin Wohnungen mit einer 99-jährigen Erbpacht kaufen. Der Pachtzins ist im Kaufpreis enthalten und die Einnahmen fliessen in den Staatsfonds. Die Belastung durch die Wohnkosten liegt im Vergleich zu anderen sehr dicht besiedelten Gebieten deutlich tiefer. Rund 80 Prozent der Bevölkerung leben auf solchen Grundstücken und man darf nur eine dieser Pachtwohnungen besitzen.
Auch Berlin möchte den Weg der Enteignung gehen: 2021 stimmte die Bevölkerung einer entsprechenden Initiative zu, die Eigentümer mit mehr als 3000 Wohnungen enteignen soll. Betroffen wären rund 200'000 bis 240'000 Wohnungen, deren Eigentümer eine Entschädigung von 40 bis 60 Prozent des Verkehrswerts erhalten würden.
Schweiz: Wohnschutz
Basel hat 2022 ein Wohnschutzgesetz eingeführt, das noch etwas schärfer als jenes in Genf ist. Das Gesetz schränkt massiv ein, wie stark Mieten nach einer Sanierung steigen dürfen. Gebäude werden nicht teils vorzeitig zur Optimierung der Einnahmen saniert. Zudem dämpft das Gesetz Ersatzneubauten, da die Mieten auch im Neubau gedeckelt sind. Ohne Regulierung wie in Zürich orientieren sich Investoren an den höchstmöglichen Mietzinsen, die der Markt hergibt. Der Nachteil: Eigentümer dürften ihre Immobilien vernachlässigen, da sich Sanierungen zu wenig rentieren. Zudem schafft der Wohnschutz ein Insider-Outsider-Problem wie in Genf: Ein Kreis von Menschen in laufenden Mietverhältnissen profitiert massiv davon und zieht kaum mehr um. Alle Wohnungssuchenden müssen sich auf noch höhere Angebotsmieten einstellen.
Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.