So erlebte Andrea die Sexkreuzfahrt auf dem Mittelmeer

- Eine 35-jährige Schweizerin nahm mit ihrem Partner an der ersten Mittelmeer-Sexkreuzfahrt von Killing Kittens teil.
- Frauen fühlten sich laut Andrea* auf dem Schiff sicher genug, um knapp bekleidet herumzulaufen – weil nur sie die Initiative ergreifen durften, sagt sie.
- Neben Partys mit Playrooms gab es auch Workshops zu Themen wie Fesseltechniken und BDSM für Fortgeschrittene.
- Es sei beeindruckend gewesen, wie oft Paare an Bord über ihre Beziehungen sprachen.
In diesem Sommer fand die erste Sexkreuzfahrt auf dem Mittelmeer des britischen Labels Killing Kittens statt. Mit dabei war auch ein Journalist von 20 Minuten – privat. Was er und seine Partnerin erlebt haben, liest du im ersten Teil dieser Serie.
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Neben den beiden waren weitere Schweizer – und vor allem Schweizerinnen – dabei. Eine von ihnen ist Andrea. Ihren Namen haben wir zur Wahrung ihrer Anonymität geändert.
Andrea, du warst mit deinem Partner auf einer sechstägigen Sexkreuzfahrt im Mittelmeer. Warum?
Mein Partner und ich sind seit einiger Zeit in der BDSM-Szene aktiv. Zum BDSM gehören etwa Fesselspiele, einvernehmliche Schläge und vieles mehr. Wir wollten etwas Neues ausprobieren und schauen, ob uns das gefällt. Ausschlaggebend war für mich, dass auf dem Schiff die Sicherheit von Frauen oberste Priorität hatte. Nur Frauen durften dort die Initiative ergreifen. Solo-Männer hatten keinen Zutritt. Entsprechend waren Männer auch nicht in der Überzahl.
Das ist BDSM
Die Abkürzung BDSM steht für Bondage & Discipline (Fesselspiele und Disziplinierung), Dominance & Submission (Dominanz und Unterwerfung) sowie Sadism & Masochism (Sadismus und Masochismus).
Nur die Frau hat auf dem Schiff also etwas zu sagen – was ändert eine solche Regel?
Du wirst nicht ungefragt am Hintern angegrapscht oder musst dir billige Anmachsprüche anhören, wie sonst immer im Ausgang. Als Frau bist du plötzlich kein Freiwild mehr. Ich habe gemerkt, wie ich mich in diesem Umfeld entspannen konnte. So wie mir erging es vielen anderen Frauen.
Du wirst nicht ungefragt angegrapscht oder musst dir billige Anmachsprüche anhören, wie sonst immer im Ausgang.
Inwiefern?
Viele Frauen erzählten mir, dass sie sich in dieser Atmosphäre auf einmal trauten, knapp bekleidet herumzulaufen. Die Angst vor Belästigung war weg. Das schafft eine vollkommen andere Atmosphäre. Egal, wie du herumläufst, egal, was für einen Körper du hast: Du bekommst so viel positives Feedback und wirst ermutigt, dich wohlzufühlen, so wie du bist.
Ihr wart eine Woche auf der Kreuzfahrt. Was hast du da alles erlebt?
Der Tag begann ganz normal. Man steht auf, geht frühstücken, einige sind leicht bekleidet. Die meisten verbringen den Tag am Pool, nachmittags folgen Workshops.

Welche?
Es gab Workshops zu Penis- und Vulvamassagen, Shibari-Kurse, in denen verschiedene Fesseltechniken gezeigt wurden, Wertschätzungskurse oder einen BDSM-Kurs für Fortgeschrittene. Dort wurde zum Beispiel der Umgang mit Spezialwachs oder Reizstromgeräten erklärt.
Reizstromgeräte? Ist das nicht gefährlich?
Nicht, wenn es sich um spezielle Elektrogeräte handelt, die körpersicher sind, und man sich intensiv mit der Technik auseinandersetzt. Verletzungen sind so praktisch ausgeschlossen.
Wo liegt deine persönliche Grenze bei BDSM-Praktiken?
Das kommt ehrlich gesagt auf die Tageslaune drauf an. Mal geht mehr, mal weniger. Oder konkret: Mal ist ein Klaps schon zu viel und ein anderes Mal im Gegenteil. Es gibt aber klare rote Linien. Dazu gehört etwa alles mit Pinkeln oder Fäkalien.
Wie ging es abends weiter?
Man geht Nachtessen, anschliessend gibt es freizügige Shows und schliesslich starten die Mottopartys.
Welches war deine Lieblingsparty?
Die Lack- und Lederparty fand ich am schönsten. Ich trug einen Leder-BH, darüber eine Corsage-Weste und einen kurzen Rock mit langer Schleppe. Ich bekam so viele Komplimente, dass ich das Outfit leicht angepasst am nächsten Abend gleich nochmals anzog.
Auf den Betten vergnügten sich Menschen zu zweit, aber auch mal zu sechst oder zu acht.
Was passiert bei diesen Partys?
Nach den Shows ging der Playroom auf. Da standen zahlreiche Betten, einige davon wurden zusammengeschoben. Dort vergnügen sich dann die Menschen. Zu zweit, aber auch mal zu sechst oder zu acht. Viele schauten auch einfach nur zu. Dann gab es noch den BDSM-Playroom mit sogenannten Masters, die Anfängern alles zeigten. Die Atmosphäre war gelöst, der Umgang respektvoll.
Hast du mit deinem Partner im Vorfeld Regeln abgemacht, wer wie weit gehen darf?
Wir haben uns intensiv auf die Reise vorbereitet, ja. Wir haben über unsere Wünsche und Erwartungen geredet. Letztendlich haben wir uns aber auf nur eine Regel geeinigt: Niemand darf etwas machen, ohne dass wir mit dem Partner darüber sprechen. Ein Nein muss akzeptiert werden. Das geht bei uns, weil wir uns schon lange kennen und uns vertrauen. Wir sprechen eigentlich seit dem Beginn unserer Beziehung über diese Themen – und das oft stundenlang.
BDSM eröffnet eine ganze Welt an sexuellen Möglichkeiten.
Was genau fasziniert dich an BDSM?
Hier will ich nicht allzu sehr ins Persönliche gehen, sorry. Ein paar Dinge behalten besonders dann ihren Reiz, wenn sie ein kleines Geheimnis bleiben. Was ich sagen kann, ist, dass BDSM eine ganze Welt eröffnet. Es gibt extrem viele Dinge, die es zu entdecken gibt. Hauen, Fesseln, warmer Wachs, der Geruch und das Gefühl von Latex und noch so viel mehr.
Sich in einer Beziehung Schmerzen zufügen, auch etwa durch Schläge – ist da nicht eine Grenze erreicht?
Sich verhauen ist erlaubt, wenn beide das wollen und man klar sagt, was geht und was nicht. Während einer BDSM-Session ist das Ampelsystem wichtig. Grün steht für «alles in Ordnung». Gelb bedeutet «Achtung». Rot ist ein absolutes Stoppsignal. Dann muss das Spiel sofort beendet werden.
Unter diesen Umständen können Schmerzen zu Lust führen?
Der Körper sagt: Das sind Schmerzen. Gleichzeitig schüttet er Endorphine aus. Es ist vergleichbar mit Extremsport. Körperlich geht man ans Limit, aber man wird mit Glückshormonen belohnt. Wer aber denkt, BDSM bedeutet, sich nonstop den Hintern zu versohlen, liegt falsch. Man fügt sich Schmerzen zu, streichelt sich dann wieder und redet miteinander. Man ist sehr aufmerksam und beschäftigt sich intensiv miteinander.
Das klingt nicht gerade nach einem Quicky …
Nein, das dauert mindestens eine Stunde (lacht).
Du hast studiert und arbeitest in einem anspruchsvollen Beruf. Wie war dein Weg in die BDSM-Szene?
Mein Job ist seriös und kopflastig. Auch wenn ich meinen Job liebe, habe ich es dort oft mit krassen Situationen zu tun. Es ist wichtig, nicht alles mit nach Hause zu nehmen und im Privatleben einen Ausgleich zu haben. Die Faszination für BDSM hatte ich aber schon früher, ohne dass ich diese damals genau benennen konnte.
Gab es auf dem Schiff eigentlich auch Besucher, die keinen Sex hatten?
Nicht, dass ich wüsste! Ausser der Schiffscrew natürlich – wobei, was da unter Deck lief, das weiss ich natürlich auch nicht. Unter den Crewmitgliedern, mit denen wir länger gesprochen haben, war ein Magier, der normalerweise Teil der Abendshow ist. Er war beeindruckt davon, wie intensiv alle über ihre Beziehungen diskutierten und wie offen über sexuelle Bedürfnisse gesprochen wurde. Das ist wohl etwas, das in vielen Partnerschaften viel zu kurz kommt.
Zurück zu Hause – was ist dir von der Reise geblieben?
Ich habe auf dem Schiff gesehen: Es gibt auch andere wie uns. Da gab es Ärzte und Unternehmerinnen aus der ganzen Welt, die ganz natürlich ihre Sexualität ausgelebt haben. Ich habe gespürt, dass es total okay ist, so zu sein. Es ist gut so, wie es ist.
Dich beschäftigt der Gedanke, was andere Menschen über dich denken könnten, wenn sie es wüssten?
Ja. Freunde wissen es, Arbeitskollegen müssen es dagegen nicht erfahren. Ich habe Angst, sie könnten es als etwas Anrüchiges oder Abartiges wahrnehmen. Sexualität ist in der Schweiz super privat, man spricht kaum darüber. Ich wünschte mir, BDSM, aber auch Swingen oder vieles mehr, wäre weniger mit Stigmen behaftet und salonfähig. So, wie das inzwischen bei Homo- oder Transsexualität der Fall ist.
Wie offen sprichst du in deinem Umfeld über deine sexuellen Vorlieben?
Dein Partner und du seid seit über zehn Jahren ein Paar und ihr habt immer noch ein bewegtes Sexleben. Was ratet ihr anderen Paaren?
Macht euch kleine Freuden. Das kann eine Rückenmassage oder ein Schöggeli sein. Sagt euch, dass ihr euch toll findet oder gut ausseht. Probiert neue Dinge aus, auch wenn ihr noch nicht wisst, ob sie euch gefallen. Erzählt euch, was eure Bedürfnisse sind, auch wenn es anfangs vielleicht Überwindung braucht. Es lohnt sich.
*Name geändert
Transparenzhinweis
Ein fest angestelltes Redaktionsmitglied bei 20 Minuten war diesen Sommer auf dieser Kreuzfahrt dabei. Dieser Mann hat die Reise selbst bezahlt. Keiner der Artikel dieser Serie wurde von Killing Kittens oder sonst wem gesponsert.
Désirée Pomper (dp), Jahrgang 1984, arbeitet seit 2009 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2023 Chefredaktorin.
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