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Tuesday, September 15, 2026

Entwurmungsmittel gegen Krebs? Warum Fachleute davor warnen

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Laut verschiedenen Postings auf Social Media soll das Entwurmungsmittel Fenbendazol verschiedene Krebsarten heilen. Etwa Haut-, Brust- und Prostatakrebs. Sogar solche in fortgeschrittenem Stadium und das ohne Chemotherapie. Das belege angeblich eine Studie, heisst es in einem zusammen mit der Behauptung geteilten Video. Dazu wird ein Screenshot geteilt.

Die Bewertung

Der Screenshot ist echt. Trotzdem ist die Behauptung nicht korrekt. Bei der im Clip erwähnten «Studie» handelt es sich in Wahrheit nur um in einem Paper zusammengefasste Fallberichte. Das Paper gab es zwar tatsächlich, es wurde aber wieder zurückgezogen. Dies wegen Interessenkonflikten des Erstautors, die das Studienresultat beeinflusst haben. Der wissenschaftliche Forschungsstand lässt Aussagen wie «Fenbendazol wirkt gegen Krebs» nicht zu.

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Die Posts versprechen viel, die «Studie» hält jedoch nichts davon

«Fenbendazol heilt Stadium-IV-Krebs komplett!» Diese (falsche) Behauptung kursiert seit einigen Wochen auf verschiedenen Plattformen, darunter Telegram (hier archiviert). Weiter heisst es: Eine «neue Studie» zeige «komplette Remission bei fortgeschrittenem Melanom, Brust- und Prostatakrebs durch Fenbendazol.» Die Tumore seien «ohne Chemotherapie» verschwunden. In einem dazu geposteten Video ist die angebliche Studie kurz eingeblendet. Ansonsten sind darin vor allem animierte und KI-generierte Szenen zu sehen. Auch eingeblendet sind Sequenzen mit Nicolas Hulscher (siehe Box). Die Wahrheit transportiert der Clip jedoch nicht.

Nicolas Hulscher: für die Verbreitung von Falschinformationen bekannt

Ein Fallbericht ist keine Studie

Was sowohl in der Caption als auch im Video nicht erwähnt wird, ist, dass es sich bei der angeblichen Studie eigentlich um eine Zusammenstellung mehrerer Fallberichte handelt. Das geht auch aus dem Titel des Berichts hervor. Er lautet übersetzt: «Fenbendazol als Antikrebsmittel? Eine Fallserie zur Selbstverabreichung bei drei Patienten». Solche Berichte liefern weniger verlässliche Ergebnisse als eine klinische Studie, erklärte der Onkologe Matthias Preusser von der Medizinischen Universität Wien der Nachrichtenagentur AFP (hier archiviert). Ein Fallbericht beruhe nur auf Beobachtungen und werde rückwirkend festgehalten. Hinzu kommt laut Preusser: «Da diese Verabreichungen [in den Fallberichten] zusätzlich zu etablierten Behandlungen wie antihormoneller Therapie, Strahlentherapie, Immuntherapie und zielgerichteten Therapien erfolgten, ist aus diesen Berichten keine Wirksamkeit von Fenbendazol abzuleiten, aber formal auch nicht auszuschliessen.»

Welche Aussage trifft bei dir am ehesten auf solche Krebs-Wundermittel im Netz zu?

So war es auch im Fall von Joe Tippens, der 2019 behauptete, Fenbendazol habe ihn von einer seltenen Form von kleinzelligem Lungenkrebs geheilt (hier, hier archiviert). Was er nicht erwähnte, war, dass er auch an einer klinischen Studie zu einer Immuntherapie teilnahm, die von der FDA für die Behandlung seiner Lungenkrebsart zugelassen ist (etwa hier, hier archiviert).

Das ist der Forschungsstand zu Fenbendazol und Krebs

Fenbendazol ist laut dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic und der Europäischen Arzneimittelagentur EMA (PDF) ausschliesslich für Tiere zugelassen (hier und hier archiviert). Fachleute untersuchen jedoch seit Jahren, ob das Tierentwurmungsmittel gegen Krebs wirken könnte. Bisher jedoch nicht an Menschen, wie die American Cancer Society festhält (hier archiviert). Es seien Laborstudien mit Fenbendazol und anderen Anthelminthika, auf die sich die Hoffnungen einiger Menschen stützten, «aber Behandlungen, die in Petrischalen oder Tiermodellen gegen Krebszellen wirksam sind, wirken nicht immer auch beim Menschen.» So sieht es auch Preusser: Seriöse klinische Studien, die die «Wirkung und Nebenwirkungen bei Krebspatientinnen und Krebspatienten strukturiert und systematisch untersuchen, gibt es bislang nicht», zitiert ihn die AFP.

Worauf basieren die Hoffnungen?

Einige der Mechanismen, die Parasiten antreiben, seien auch in Krebszellen aktiv, erklärte die kanadische Neurochirurgin Sheila Singh im Jahr 2023 der AFP (hier archiviert). «Aber zu behaupten, dass Fenbendazol Krebs heilen könnte, ist einfach nicht wissenschaftlich, da es keine Daten gibt, die diese Behauptung stützen.» Der Onkologe Matías Norte vom Hospital de Clínicas in Buenos Aires bezeichnet die aktuell verbreiteten Falschbehauptungen zu Fenbendazol und Krebs als «lächerlich.» Im Jahr2013 fanden Forschende in einer Studie «keine Hinweise darauf, dass Fenbendazol einen Nutzen in der Krebstherapie hätte, legten aber nahe, dass diese allgemeine Stoffklasse weitere Untersuchungen verdient» (hier archiviert).

Interessenkonflikt macht Ergebnisse wertlos

Erschienen ist der Bericht im Mai 2025 im Journal «Case Reports in Oncology» (Fallberichte in der Onkologie, hier archiviert). Doch schon im Januar 2026 wurde er wieder zurückgezogen. Der Grund: «Nach Veröffentlichung dieses Artikels wurden Bedenken hinsichtlich eines möglichen, nicht offengelegten Interessenkonflikts des Erstautors geäussert», heisst es in der Widerrufserklärung (hier archiviert). Es sei festgestellt worden, dass der Erstautor – William Makis (siehe Box) – zum Zeitpunkt der Manuskripteinreichung Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Studienthema anbot. «Der Herausgeber kam zu dem Schluss, dass diese Bedenken die Interpretation der Arbeit und die Empfehlung beeinflusst hätten, und zieht den Artikel daher zurück.»

William Makis: Arzt ohne Titel

Makis war früher als Arzt tätig. Im Jahr 2019 untersagte ihm das College of Physicians and Surgeons of Alberta (CPSA) in der kanadischen Provinz Alberta, Medizin auszuüben, Gesundheitsdienstleistungen anzubieten oder geschützte medizinische Berufsbezeichnungen zu verwenden (hier, hier archiviert). Dagegen verstiess Makis jedoch mehrmals, was ihn mehrfach vor Gericht brachte. Etwa weil er sich weiterhin Onkologe und Nuklearmediziner mit Bezug zu Alberta nannte. Das Berufungsgericht von Alberta kreidete Makis im Juni 2026 zudem an, dass er «Krebs-Coachings» anbietet, in denen er «Menschen weltweit über alternative Krebsbehandlungen, darunter Ivermectin, Fenbendazol und Mebendazol», informiert. Wozu das führen kann, zeigt eine Warnung von Interpol von März 2026 (hier archiviert). Demnach führten Fehlinformationen zu einem «Anstieg bei nicht zugelassenen Antiparasitika», vor allem von Ivermectin und Fenbendazol. Diese Produkte würden häufig fälschlich als Nahrungsergänzungsmittel gekennzeichnet und als Teil sogenannter «Krebsbehandlungs-Kits» verkauft. «Dadurch sind sie leichter erhältlich und können Regulierungen leichter umgehen», hält Interpol fest.

Die American Cancer Society warnt davor, dass die Einnahme fenbendazolhaltiger Medikamente Risiken birgt. So könnte es etwa Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geben. Zudem drohen Nebenwirkungen: etwa Entzündungen und Leberschäden. 2025 starb der Brite Lee Redpath, weil er den Falschbehauptungen zu Fenbendazol Glauben geschenkt hatte, wie 20 Minutes unter Berufung auf die BBC schrieb (hier archiviert).

Fazit

Die Behauptung, Fenbendazol heile verschiedene Krebsarten ohne Chemotherapie, ist nicht belegt. Die angeführte Veröffentlichung bestand lediglich aus drei Fallberichten und wurde wegen eines nicht offengelegten Interessenkonflikts zurückgezogen. Der Bericht enthält lediglich Beobachtungen und erlaubt keine Aussage über eine Wirksamkeit von Fenbendazol. Seriöse klinische Studien am Menschen fehlen. Fenbendazol ist zudem nur für Tiere zugelassen.

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Fee Anabelle Riebeling

Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.

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