«Sie erkennen mich»: Schweizer Forscherin über Delfin-Faszination

- Die Schweizer Meeresbiologin Angela Ziltener erforscht seit 2009 im Roten Meer vor Ägypten wilde Indopazifische Grosse Tümmler.
- Ihr Team hat mehr als 450 Tiere individuell identifiziert – einige kennt sie seit ihrer Geburt.
- Der Dokumentarfilm «Dolphins: My Close Encounters» feierte am Zurich Film Festival Weltpremiere.
Eine kleine Gruppe Delfine schwimmt auf Angela Ziltener zu. Die Tiere «scannen» die Schweizer Meeresbiologin mit ihrer Echoortung. Dann bringen sie einen Kugelfisch vor ihre Kamera. Ziltener hat den Eindruck, dass die Tiere beobachten, was sie damit macht. Sie tut: nichts. «Ich habe einfach wie gewöhnlich weitergefilmt», erzählt sie 20 Minuten.
Solche Begegnungen erlebt Ziltener seit Jahren im Roten Meer vor Ägypten. Seit 2009 erforscht sie dort Indopazifische Grosse Tümmler. Mehr als 450 Tiere hat ihr Team inzwischen individuell identifiziert. Einige kennt die Schweizerin seit deren Geburt. Nun erzählt der 79-minütige Dokumentarfilm «Dolphins: My Close Encounters» ihre Geschichte. Am Zurich Film Festival feierte er Weltpremiere.
«Für Delfine wohl keine schwierige Aufgabe»
Ziltener ist überzeugt, dass die Tiere auch sie erkennen. «Für einen Delfin ist es wahrscheinlich keine schwierige Aufgabe, einzelne Menschen wiederzuerkennen – insbesondere, wenn er ihnen regelmässig begegnet.»
Wissenschaftlich bleibt sie dabei vorsichtig. Aus der Forschung wisse man, dass Delfine Artgenossen wiedererkennen, langfristige Bindungen pflegen und über ein gutes Gedächtnis für einzelne Tiere verfügen. Wie genau sie Menschen wahrnehmen und unterscheiden, sei dagegen noch nicht vollständig erforscht.
Ziltener selbst unterscheidet die Delfine unter anderem anhand ihrer Rückenflosse. «Sie ist vergleichbar mit einem Fingerabdruck.» Form, Kerben und Narben helfen bei der Identifikation. Weil die Forscherin mit den Tieren taucht, kann sie zudem individuelle Merkmale am restlichen Körper erkennen.
Delfinmütter zeigen ihr ihren Nachwuchs
Besonders nahe gehen Ziltener Begegnungen mit Tieren, deren Leben sie über viele Jahre verfolgt hat. «Sehr berührend ist es, wenn Delfinmütter, die ich schon seit ihrer Jugend kenne, mir ihr erstes Neugeborenes zeigen.»
Ihre Geschichte mit den Delfinen begann 2004. Ein Freund hatte ihr eine Tauchschule in Ägypten empfohlen. Bereits beim ersten Tauchgang begegnete sie mehreren Delfinen, darunter «Ferdinand». Fünf Jahre später startete sie ihr eigenes Forschungsprojekt.
Inzwischen dokumentiert Ziltener auch Verhaltensweisen, die lange kaum bekannt waren. Besonders fasziniert sie, dass sich die Tiere gezielt an bestimmten Korallen und Schwämmen reiben. Einige davon enthalten Substanzen mit antibakteriellen und antimikrobiellen Eigenschaften.
Reto Hanselmann hat eigenen Delfin
Unter den Hunderten identifizierten Tieren schwimmt inzwischen auch ein «Reto». Namensgeber ist der Zürcher Partyveranstalter Reto Hanselmann.
Zum Geburtstag schenkte ihm Fabia Grüebler von der Dolphin Watch Alliance symbolisch einen Delfin. «Es handelt sich um ein junges Männchen, das zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen hatte», erklärt Ziltener. Das Tier werde regelmässig gesichtet.
Eine klassische Tierpatenschaft ist das nicht. Zilteners Team vergibt zunächst Nummern. Erst wenn ein Delfin mehrfach gesichtet und eindeutig identifiziert wurde, erhält er einen Namen. Manche würden nach Freunden, Familienmitgliedern oder Bekannten benannt.
«Sie sollten nicht als unsere Entertainer dargestellt werden»
Für Ziltener soll der Dokumentarfilm mehr bewirken, als spektakuläre Begegnungen zu zeigen. «Ich wünsche mir, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer erkennen, dass jeder Delfin ein Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit ist und dass Delfine über komplexe kognitive Fähigkeiten verfügen.»
Besonders kritisch sieht sie Delfinarien und rücksichtslose Delfintouren. «Delfine verdienen unseren Respekt, und wir müssen lernen, besser mit ihnen umzugehen. Sie brauchen unseren Schutz und sollten nicht als unsere ‹Entertainer› dargestellt werden.»
Nach mehr als fünfzehn Jahren unter Wasser haben die Tiere auch Ziltener verändert. Von ihnen hat sie gelernt, «im Moment zu sein und auf mein Inneres zu hören». Ihre Intuition habe ihr unter Wasser schon oft geholfen. Nun versuche sie, ihr auch an Land stärker zu vertrauen.
Was macht für dich den Reiz von Delfinen am meisten aus?
Dass ihr Film ausgerechnet in der Schweiz Weltpremiere feiert, bedeutet ihr deshalb viel. Über Jahre sei sie wegen ihrer Arbeit häufig nicht zu Hause gewesen. Nun können Familie, Freunde und Wegbegleiter den Moment mit ihr teilen. «Es ist wunderschön, dass so viele Menschen bei der Premiere dabei waren, um diesen besonderen Moment gemeinsam mit mir und meinem Team zu feiern.»
Gina Sergi (gis), Jahrgang 1997, arbeitet seit März 2024 bei 20 Minuten. Sie ist seit September 2025 Ressortleiterin People.
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