«Meine Mutter las mein Tagebuch – heute vertraue ich niemandem»

- Drei Frauen aus der 20-Minuten-Community berichten, wie Eingriffe ihrer Eltern in ihre Privatsphäre sie bis heute prägen.
- Gelesene Tagebücher und durchsuchte Zimmer führten bei allen dreien zu einem dauerhaften Vertrauensbruch gegenüber den Eltern.
- Familienberaterin Maya Risch betont, dass solche Grenzüberschreitungen das Vertrauen nachhaltig beschädigen können.
Ein gelesenes Tagebuch, ein durchsuchtes Zimmer, ein heimlich geöffneter Brief: Was für Eltern vielleicht wie Kontrolle aus Sorge erscheint, kann bei Kindern tiefe Spuren hinterlassen. Bei manchen lässt sich das dadurch entstandene Misstrauen zu den Eltern nie wieder vollständig überwinden.
So erging es drei Frauen aus der 20-Minuten-Community. Sie erzählen, wie sie die Eingriffe in ihre Privatsphäre erlebt haben und welche Folgen diese bis heute für ihr Vertrauen haben.
Grammatikfehler im Tagebuch korrigiert
Leserin C. erlebte in ihrer Kindheit zahlreiche Vertrauensbrüche durch ihre Eltern. «Als Teenager hatte ich absolut keine Privatsphäre», erzählt sie. Ihre Mutter habe regelmässig ihr Tagebuch gelesen und noch dazu: «Mit rotem Stift hat sie auch noch Grammatikfehler korrigiert.» C. beschreibt dies als «himmeltraurig». Ihre Eltern hätten zudem regelmässig ihr Zimmer durchsucht und alle Gegenstände weggeworfen, die ihnen nicht passten.
Dadurch habe sie nie richtig eine Kindheit oder Teenagerzeit gehabt. «Ich wurde immer 200 Prozent kontrolliert.» Irgendwann sei ihr das zu viel geworden und sie sei mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen. «Seit ich 20 bin, habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern.» Sie ist überzeugt: «Dass Kinder keine Privatsphäre haben, finde ich ein absolutes No-Go.»
C. ist mittlerweile selbst Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Bei ihm achtet sie ganz genau darauf, dass sie seine Privatsphäre respektiert und ihm bei diesem Thema nicht zu nahe tritt.
Wie wichtig ist dir die Privatsphäre deiner Kinder? Gibt es für dich Dinge, die absolut tabu sind? Gibt es Situationen, in denen du das Zimmer deiner Kinder durchsuchen würdest – oder hast du das bereits einmal gemacht? Und wie stellst du sicher, dass deine Kinder Vertrauen zu dir haben und offen mit dir sprechen können?
Wegen Vertrauensbruch aufgehört, Tagebuch zu schreiben
Auch S. (38) hat Ähnliches erlebt. Aufgrund eines Verdachts hätten ihre Eltern begonnen, ihr Zimmer zu durchsuchen und ihr Tagebuch zu lesen. «Sie hatten immer die Ausrede der ‹elterlichen Fürsorge›.» Dass sie ihr Zimmer durchsucht hatten, habe S. an der Unordnung bemerkt. Dass sie ihr Tagebuch lasen, hätten sie hingegen offen kommuniziert. «Sie haben jeweils konkrete inhaltliche Bezüge zu dem genommen, was ich im Tagebuch geschrieben habe, und mich dann damit konfrontiert.» Für S. war dies ein klarer Vertrauensbruch: «Ich war mega enttäuscht.»

Darüber gesprochen habe sie mit ihren Eltern nie. «Ich wurde so erzogen, dass hässig werden gegenüber meinen Eltern keine Option ist.» Also habe sie sich nie gewehrt. Stattdessen habe sie aufgehört, Tagebuch zu schreiben. «Es war nicht mehr sicher.» Das Verhalten ihrer Eltern habe bis heute Folgen: «Ich bin jetzt 38 Jahre alt und mein Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern hat sich nie mehr erholt.» Das merke sie vor allem daran, dass sie alles, was sie über ihr Privatleben erzähle, auf die «Goldwaage» lege.
Bei ihren beiden Söhnen achtet S. besonders darauf, dass es nicht so weit kommt. «Mir ist sehr wichtig, dass sie Vertrauen in unsere Beziehung haben und dieses nicht geschädigt wird.» Sie sei sehr vorsichtig: «Ich versuche, keine Aussagen zu machen, die verletzen können, ich werte keine Freundschaften und ich durchsuche sicher auch keine privaten Sachen.»
Das sagt die Familienberaterin
Für Familienberaterin Maya Risch ist klar, dass man als Teenager einen geschützten Raum brauche, wie sie im Gespräch mit 20 Minuten sagt. Teil davon seien «das Zimmer, Handy, Nachrichten und persönliche Gegenstände» Für Risch ist klar, dass Eltern überhaupt nichts in einem Tagebuch verloren haben. Solche Grenzüberschreitungen können das Vertrauen nachhaltig beschädigen und die Beziehung belasten. Wiederherstellen lasse es sich nur, wenn Eltern nach einer «Überreaktion» das Gespräch suchen und sich entschuldigen würden.

Für Risch gibt es auch Situationen, in denen Eingriffe in die Privatsphäre gerechtfertigt sein können. Etwa bei einer «akuten Gefahr – bei Suizidalität, Gewalt, Missbrauch, Grooming oder Drogenkonsum».
«Den Vertrauensbruch merke ich bis heute»
Auch Jessica (40) spürt noch heute die Folgen eines Vertrauensbruchs aus ihrer Teenagerzeit. «Als ich 14 Jahre alt war, hat meine Mutter einen Brief gelesen, den ich an eine Kollegin im Ausland schicken wollte.» Der Brief sei verschlossen gewesen. Ihre Mutter habe ihn auf dem Weg zur Post gelesen. «Sie hat somit herausgefunden, dass ich Cannabis probiert habe, und ich bekam extremen Ärger.»
Für Jessica war das ein riesiger Schock: «Das war ein riesiger Vertrauensbruch. Klar ist es nicht gut, als Teenager zu kiffen, aber es ist auch überhaupt nicht okay, das einfach zu lesen.» Jessica habe ihrer Mutter danach nie wieder einen Brief mitgegeben und auch mit dem Tagebuchschreiben sofort aufgehört. «Diesen Verrat merke ich bis heute noch», erzählt sie.
«Ich habe Mühe, jemandem richtig zu vertrauen.» Sie sei sehr vorsichtig und skeptisch geworden – allen gegenüber. «Anscheinend gibt es Leute, die das nicht respektieren und alles durchschauen.» Entschuldigt habe sich ihre Mutter nie dafür. «Sie war einfach nur hässig wegen des Kiffens.»
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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