Wir brauchen die 13. AHV-Rente nicht!

Bernard Kümmerli (68) und Ruedi Blatter (68) spenden das Geld lieber
Wir brauchen die 13. AHV-Rente nicht!
Bald bekommen 2,6 Millionen Rentnerinnen und Rentner zum ersten Mal die Dreizehnte. Nicht alle wollen das Geld für sich behalten. Zwei beste Freunde geben ihren Batzen weiter.
Publiziert: 00:00 Uhr
- Bernard Kümmerli und Ruedi Blatter spenden ihre Dreizehnte der Caritas
- Es gibt Leute, die sie wirklich brauchen, sagen die Pensionäre
- Bei der Caritas fliesst das Geld in Projekte, die Altersarmutbetroffene unterstützen
Simone SteinerBundeshausredaktorin
Im Dezember erhalten Bernard Kümmerli (68) und Ruedi Blatter (68) ein, wie sie sagen, «unerwartetes Geschenk». Zusammen mit 2,6 Millionen anderen Rentnerinnen und Rentnern wird ihnen zum ersten Mal die 13. AHV-Rente ausbezahlt. Im Durchschnitt beträgt dieser Zusatzbatzen rund 1580 Franken.
Damit lassen sich Krankenkassenrechnungen oder Mietkosten bezahlen. Wer finanziell gut aufgestellt ist, kann sich schöne Ferien oder ein besonderes Weihnachtsessen gönnen. Doch Kümmerli und Blatter wollen das Geld nicht.
Die beiden Freunde stehen im Lichthof der Universität Zürich, wo Kümmerli gerade sein fünftes Studium absolviert. Grundsätzlich finden sie die 13. AHV-Rente eine gute Sache. Weniger gefällt ihnen das Giesskannenprinzip. «In wenigen Wochen werden viele eine 13. AHV-Rente erhalten, die sie nicht wirklich brauchen», sagt Kümmerli.
Dazu zählt der ehemalige Unternehmensberater auch sich selbst. «Aber auch Menschen, die einen CEO-Posten innehatten, brauchen den zusätzlichen Batzen nicht unbedingt.» Er lächelt verschmitzt seinen besten Freund an. Dieser war unter anderem Chef von Lindt & Sprüngli in Kanada.
Neue Spenderkreise für Hilfsorganisationen
Was die einen nicht wollen, eröffnet anderen neue Spendeneinnahmen. Das Hilfswerk Helvetas hat bereits zum Spenden aufgerufen. Auch die «Fondation Chance 13» sammelt Geld für gemeinnützige Zwecke. Dabei ist das Potenzial gross: Insgesamt werden im Dezember mehr als vier Milliarden Franken für die 13. AHV-Rente ausbezahlt.
Kümmerli und Blatter wollen ihr Geld der Caritas spenden. Die Organisation unterstützt armutsbetroffene Menschen. «Wer seine 13. AHV-Rente oder einen Teil davon spenden will, kann dies via unsere Webseite tun», sagt Sprecher Niels Jost (34). Das Geld fliesse dann zweckgebunden in Projekte für Menschen, die von Altersarmut betroffen seien.
Dazu gehören etwa die Caritas-Läden, in denen Armutsbetroffene günstig Lebensmittel einkaufen können. Zudem bietet die Organisation Sozial- und Schuldenberatung an. Dort werden Menschen in finanziellen Notlagen auch punktuell mit Geld unterstützt. Mit den Mitteln aus dem Fonds kann Caritas etwa eine unerwartete Zahnarztrechnung begleichen oder eine ausstehende Miete zahlen.
Wegen häuslicher Gewalt aus dem Leben gerissen
In der Schweiz leben laut Bundesamt für Statistik (BFS) 245'000 Menschen in Altersarmut. Zu ihnen gehört auch Janina S.* (64). Ihre Geschichte zeigt, wie schnell man in die Armut schlittern kann. Blick erzählt sie: «Eigentlich hatte ich ein tolles Leben.» Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn habe sie in einer Attikawohnung gelebt und als Personalchefin gearbeitet.
Doch dann habe es in ihrer Ehe immer mehr Risse gegeben. Die Auseinandersetzungen seien zunehmend eskaliert – zuletzt wurde S. Opfer häuslicher Gewalt. «Das hat mein Leben verändert», sagt sie. Die hohe Belastung habe zu einem Burnout geführt. In der Folge verlor sie ihre Stelle und fand danach nie mehr richtig ins Leben zurück.
Die 64-Jährige lebt heute von der AHV und Ergänzungsleistungen. «Dadurch bin ich zur Schnäppchenjägerin geworden», sagt sie lächelnd. Beim Lebensmitteleinkauf achtet sie stets auf Aktionen. Auch in den Caritas-Läden ist sie regelmässig Kundin. Umso mehr freut sich die Rentnerin, dass Menschen wie sie künftig mehr Unterstützung bekommen könnten. Das wäre wirklich «wunderbar», sagt sie.
«Wir hatten einfach Glück»
Laut Caritas gibt es verschiedene Gründe, weshalb Menschen in die Armut geraten. Schicksalsschläge wie jener von S. könnten Menschen aus der Bahn werfen. Bei anderen beginne die Benachteiligung bereits in der Kindheit. Wer in einem armen Elternhaus aufwachse, habe ein erhöhtes Risiko, auch im Erwachsenenalter in Armut zu leben.
«Wir hatten einfach viel Glück im Leben», sagt Blatter. Beide hätten Eltern gehabt, die sie finanziell unterstützten, und einen Staat, der ihnen eine Ausbildung ermöglicht habe. Mit der Spende ihrer 13. AHV-Rente wollten sie dieses Glück nun mit Menschen teilen, die sonst nicht über die Runden kommen.
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