Schweizer Investorin profitiert von deutschen Umweltschäden

Frank Bremauer trägt seine Überzeugung unübersehbar auf der Brust. Ein gefährlich aussehendes Fantasiewesen, dazu zwei Worte: «PFAS … monsterlijk». Das ist Niederländisch, aber leicht zu verstehen: monströs. Das skurrile T-Shirt hat er vom letzten Vernetzungstreffen mit belgischen Aktivistinnen und Aktivisten nach Hause gebracht. «Cool, nicht?»
RMS
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Nun steht er in seinem Wohnzimmer im oberbayerischen Altötting und zeigt auf einer abgenutzten Landkarte, wie weit sich das neue Belastungsgebiet nach Hinweisen der Bodenexperten vom Landratsamt vermutlich erstrecken könnte: von Garching im Süden über Polling im Westen bis nach Reischach und eventuell sogar Erlbach im Norden. Das Problem liegt in den Gärten von Burghausen, auf den Feldern von Burgkirchen und auch in Altötting, wo Bremauer mit seiner Familie wohnt. 380 Quadratkilometer «Belastungsgebiet», kontaminiert mit Perfluoroctansäure (PFOA), einem Stoff aus der Gruppe der Ewigkeitschemikalien PFAS. Die Fläche entspricht zwei Dritteln des Landkreises Altötting.
Mittendrin steht der Chemiepark Gendorf, eine abgeriegelte Welt mit über 30 Firmen und 3600 Arbeitsplätzen auf 198 Hektaren, gut versteckt im Wald. Mit eigener Betriebsfeuerwehr, Kläranlage, Sanitätsdienst – und einem Sorgenkind: der Dyneon GmbH, einem Unternehmen, das seit kurzem in Schweizer Hand ist.
Kein Blut aus Altötting
Dyneon produziert in Gendorf Fluorpolymere, Produkte aus der Stoffgruppe der PFAS. Von 1968 bis 2003 stellte das Unternehmen hier PFOA her, eine Substanz, die heute verboten ist. Der Stoff galt lange als Wunderchemikalie, die man für alles Mögliche einsetzte, unter anderem für Antihaftbeschichtungen bei Pfannen. Dabei ist der Industrie bereits seit den 1970er-Jahren bekannt, dass der Stoff gesundheitsgefährdend ist. 2023 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) PFOA als «krebserregend für den Menschen» ein.
In Oberbayern wusste man ebenfalls um die Gefährlichkeit von PFOA, «aber viele ignorierten es», sagt Frank Bremauer. Bis der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes 2017 verkündete, Blut aus dem Landkreis Altötting werde nicht mehr für Transfusionen eingesetzt. Eine Untersuchung zeigte daraufhin, dass praktisch im gesamten Landkreis Altötting Menschen erhöhte PFOA-Werte im Blut aufwiesen. Wer regelmässig Wasser vom Hahn trank, hatte das Gift mit Sicherheit im Blut.
«Da wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste», sagt Frank Bremauer. Er gründete gemeinsam mit Mitarbeitern aus Chemiewerken, mit Gemeinderäten unterschiedlicher Parteien und gesundheitlich Betroffenen die Bürgerinitiative Netzwerk Trinkwasser (Bint). Seither ist der ehemalige Lehrer auf einer Mission: «Wir fordern nicht das Ende der Chemie in Gendorf, sondern eine saubere Chemie.»
Dyneon-Aus bedroht Chemiepark
Sein Hauptgegner heisst seither Dyneon, denn diese war das einzige Unternehmen, das je in Gendorf PFOA produzierte. Was Dyneons Mutterkonzern 3M kurz vor Weihnachten 2022 mitteilte, überraschte dann aber selbst Aktivist Bremauer. Der Chemiemulti gab die Schliessung des Werks in Gendorf bekannt. 700 Arbeitsplätze waren in Gefahr. Dazu ein hochkomplexes System im Chemiepark, gemeinsam mit anderen Unternehmen genutzte Leitungen und Anlagen, die praktisch nicht zu entwirren waren. Vor allem aber produzierte Dyneon Fluorpolymere für andere Firmen des Chemieparks. Das drohende Aus stellte eine ganze Reihe von ihnen vor die Frage, woher sie in Zukunft die Ausgangsstoffe für ihre Produkte beziehen sollten.
Im Mai 2026 kam die überraschende Wende. Die Schweizer Private-Equity-Gesellschaft Capmont Group verkündete, sie habe Dyneon von 3M übernommen, fahre die Produktion wieder hoch und strebe einen Umsatz von 300 Millionen Euro an.
In Gendorf hatte man vor der Übernahme nie etwas von Capmont gehört. Tatsächlich lässt sich über das Private-Equity-Unternehmen aus Freienbach im Kanton Schwyz auch nicht viel in Erfahrung bringen. Auf der Website ist von «starken Wurzeln in Fokusregionen», «value creation» und «Zugang zu einzigartigen Investment-Möglichkeiten» zu lesen.
Wie Capmont am Dyneon-Deal verdient
3M wiederum, die Verkäuferin von Dyneon, ist in den USA börsennotiert. Das Unternehmen muss deshalb der US-Börsenaufsicht SEC Angaben zu ihren Geschäften liefern. In aktuellen, von der SEC publizierten Dokumenten ist nachzulesen, dass 3M beim Dyneon-Deal mit Capmont sage und schreibe 324 Millionen Dollar Verlust machte. Zudem liess der US-Konzern beim Verkauf alle flüssigen Mittel von Dyneon in der Kasse und bezahlt der Schweizer Käuferin obendrein einen noch zu bestimmenden Betrag in Cash. Im Klartext: Capmont bekommt Dyneon nicht nur geschenkt – sie wird für die Übernahme sogar noch fürstlich bezahlt.
Und der Deal für Capmont wird noch besser, denn was aus den Börsendokumenten ebenfalls ersichtlich ist: 3M übernimmt die Haftung für sämtliche Umweltschäden, die durch Dyneon verursacht wurden. Dafür sowie für Wertberichtigungen hat 3M stolze 368 Millionen Euro zurückgestellt. Der Chemiemulti, der in den USA mit Milliardenklagen wegen PFOA-Kontaminationen konfrontiert ist, ist offensichtlich bereit, für den raschen Abschied von den toxischen Chemikalien einen hohen Preis zu bezahlen. Weder Capmont noch 3M reagierten auf eine Anfrage des Beobachters. Dyneon bittet um Verständnis, «dass wir uns zu Details der Transaktion nicht äussern».
Der Deal scheint zu gut, um wahr zu sein. Es sei zwar bei grossen Firmentransaktionen nicht unüblich, dass der Verkäufer den Käufer dafür entschädige, dass er sein Unternehmen übernehme, meint Niklas Simon von der Umweltrechtsorganisation Client Earth, der früher viele Jahre selbst als Anwalt in Wirtschaftskanzleien tätig war. «Wenn sich tatsächlich aber nur ein Käufer gefunden haben sollte, weil dieser vom Verkäufer zusätzlich mehrere Hundert Millionen Euro erhält, zeigt das eindeutig, dass selbst ein Konzern wie 3M die Risiken der PFAS-Produktion als viel zu hoch bewertet.» Und er gibt zu bedenken: «Wenn 3M nunmehr plötzlich lieber viel Geld bezahlt, um den Standort sofort loszuwerden, sollten sich alle Betroffenen und die Behörden fragen, warum sie das tut. Wir befürchten, dass sie sich mit solchen Transaktionen aus der Verantwortung für die verursachte PFAS-Verschmutzung ziehen möchte.»
3M-Steuerdeal mit dem Kanton Bern
Weitere Dokumente aus dem deutschen Handelsregister zeigen, dass es schon vor dem Capmont-Deal enge Verbindungen von Dyneon zur Schweiz gab. Dyneon arbeitete seit 2014 als sogenannter Lohnfertiger für die in Langenthal BE ansässige 3M EMEA GmbH, eine andere 3M-Tochterfirma. Das – legale – Geschäft lief so: Dyneon produzierte im Auftrag von 3M EMEA Fluorpolymere und erhielt dafür eine fixe Marge von sechs Prozent auf die Herstellungskosten. Der Verkauf der Produkte lief hingegen über die 3M EMEA, womit die Gewinne aus der Fluorpolymer-Produktion in Deutschland hauptsächlich in der Schweiz anfielen. Ein Steuerdeal von 3M EMEA mit dem Kanton Bern, der aus US-Börsendokumenten ersichtlich ist, sorgte zudem für einen attraktiven Steuersatz. Im Klartext: Der Mutterkonzern 3M profitierte jahrelang von tiefen Steuern in der Schweiz, während er in Deutschland hohe Umweltschäden verursachte.
Davon weiss man im oberbayerischen Altötting nichts. Wo und wie hohe Steuern Dyneon bezahle, könne er nicht sagen, erklärt Tobias Windhorst: «Die Zahlen sind dem Landratsamt nicht bekannt.» Windhorst ist Landrat des Landkreises Altötting, eine Art Bürgermeister über 24 Gemeinden mit insgesamt rund 114’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. «Der Landkreis erhält von der Standortgemeinde Burgkirchen nur ein Total der Gewerbesteuereinnahmen aller Betriebe, die sogenannte Kreisumlage. Aber Dyneon gehört vermutlich zu den grösseren Gewerbesteuerzahlern im Landkreis.»
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Ohne Chemie geht es nicht
Dass Dyneon von Schweizer Investoren übernommen wurde, war eine gute Nachricht für Landrat Windhorst: «Dyneon ist einer der grösseren Arbeitgeber in unserer Gegend.» 20’000 Arbeitsplätze hängen in der Region, die sich selbst als «bayerisches Chemiedreieck» bezeichnet, direkt von der chemischen Industrie ab. Bei Zulieferern und beim lokalen Gewerbe sind es indirekt weitere 30’000 Stellen. Es geht nicht ohne Chemie im Landkreis Altötting – Altlasten inklusive.
Die Belastung des Bodens ist ein Dauerthema im Landratsamt: «Wir können ja nicht einfach den Boden von zwei Dritteln des Landkreises abtragen und entsorgen», erklärt Windhorst. Schadenersatz-Verhandlungen mit 3M hat das Landratsamt Altötting im Oktober wegen «massiven Differenzen» abgebrochen. Es wird jetzt wohl juristisch gegen den Konzern vorgehen. Verhandlungen um die Herausgabe von Messwerten von Bodenproben, die Dyneon erhoben hat und die bereits beim Landratsamt liegen, laufen aber noch.
Hier kommt wieder Aktivist Frank Bremauer ins Spiel. Er möchte diese Daten gerne haben und hat dazu ein Gesuch eingereicht. Landrat Windhorst wäre bereit, die Daten herauszurücken, doch Dyneon klagte dagegen. Die Begründung: Es handle sich bloss um «Rohdaten», die interpretiert werden müssten.
Klage gegen Dyneon
Dass Dyneon die Deutungshoheit behalten will, hat nicht zuletzt finanzielle Gründe. Die Stadt Burghausen, knappe zehn Kilometer westlich von Gendorf, entschied sich kürzlich zu einer Klage gegen Dyneon. Geschätzter Streitwert: 80 bis 100 Millionen Euro.
Frank Bremauer, der Aktivist mit dem Monster-T-Shirt, will zum Abschluss des Besuchs noch etwas von den Schönheiten Oberbayerns zeigen. Er führt zum Eisweiher, einem kleinen See mit Hütte und Badesteg mitten im Wald, sieben Kilometer vom Chemiepark entfernt. Das Wasser des Eisweihers ist so klar, dass man die Fische am Grund sehen kann. «Essen würde ich die wegen der PFOA-Belastung nicht», sagt er. «Und Wildschwein aus der Gegend auch nicht. Und Eier von frei laufenden Hühnern des Chemiedreiecks kommen bei uns schon gar nicht auf den Tisch.» Bremauer blickt über den See. «Aber eigentlich ganz schön hier, oder?»
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