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Sunday, October 18, 2026

Operation Schwarzer Vogel: Vor diesen Drohnen zittern die Russen

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Die Mittelstrecken-Drohne wird vor Ort zusammengebaut und ihren Einsatz vorbereitet.

Die Mittelstrecken-Drohne wird vor Ort zusammengebaut und ihren Einsatz vorbereitet.20 Minuten/ Ann Guenter

Darum gehts

  • Die Kamikaze-Drohne «Zozulia» – «Kuckuck» auf Ukrainisch – greift russische Militärlogistik hinter der Südfront an.
  • 20 Minuten begleitete eine Drohnen-Eliteeinheit bei einem Einsatz.
  • Im Video seht ihr,  wie die Mittelstrecken-Drohne spektakulär startet.

Im Krieg sind Nächte stockdunkel; Strassen, Plätze, Blocks und viele Häuser bleiben auch in Saporischschja unbeleuchtet. Auf der pechschwarzen Autobahn ist nach der Ausgangssperre um 21 Uhr nur noch Militär unterwegs. Scheinwerfer erfassen immer wieder Anti-Drohnen-Netze.

Im Steppengebiet nordöstlich der Frontstadt treffen wir eine ukrainische Drohnen-Eliteeinheit bei einem Einsatz.

Über Hunderte Meter sind Anti-Drohnen-Netze gespannt.20 Minuten/ Ann Guenter

Freiwilligenverband, dann Regiment

Die gut ein Dutzend Männer des 422. Regiments Unbemannter Systeme «Luftwaffe» sind nur im roten Licht ihrer Stirnlampen auszumachen. Sie reden halblaut miteinander, packen Koffer und Kisten aus, fahren Computer hoch, entladen acht riesige Flügel.

Der Vorgang ist eingespielt wie bei einem Rennauto-Boxenstopp, nur langsamer. «Bei vier Zozulia-Drohnen dauert das Ausklappen, Vorbereiten, Zusammenbauen und Starten ungefähr eine Stunde, plus minus», sagt der Captain mit Kampfname Vakhabit (39).

«Ein substanzieller Flieger»: Die Flügel der «Zozulia» werden entladen.20 Minuten/ Ann Guenter

«Zumindest eine Zeit lang die Königin»

Die «Zozulia» ist eine Mittelstrecken-Kamikaze-Drohne und erinnert mit ihrem Propeller und knatternden Benzinmotor eher an ein Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg – ein ziemlicher Kontrast zu den Düsen-Drohnen, mit denen Russland die Ukraine derzeit terrorisiert. Die Männer der 422. aber lieben ihren Starrflügler, der so richtig erst seit diesem Jahr in Betrieb ist.

«Als ich die Ergebnisse der ersten Angriffe mit dieser Drohne sah, wusste ich, dass sie zumindest eine Zeit lang die Königin sein würde», sagt Vakhabit mit Blick auf die fortwährende Innovation und Gegeninnovation dieses Krieges.

«Zozulia» heisst «Kuckuck» auf Ukrainisch: Wie der Vogel, der heimlich Eier in fremde Nester legt, fliegt die Drohne unbemerkt in feindliches Territorium, wo sie vor allem unbewegliche Ziele wie Umspannwerke, Depots und Kommandoposten mit bis zu 50 Kilo Sprengladung angreift.

Technische Daten

Vor dem Start werden Missionsdaten und Flugroute an der mobilen Bodenkontrollstation eingegeben. Nach dem Katapultstart bleibt die Zozulia über Satelliteninternet mit Operateuren in der Ukraine verbunden, die den Flug führen und überwachen können. Kameras, intelligente Antennensysteme sowie visuelle und trägheitsgestützte Navigation sollen helfen, Kurs und Lage auch bei GPS-Störungen zu halten.

«Feindliche Drohnen in der Luft»: Nun kommen Tarnnetze zum Einsatz.20 Minuten/ Ann Guenter

«Wenn man 300 bis 400 Kilometer und noch weiter ins Gebiet des Feindes fliegen und ein Ziel mit einer Abweichung von weniger als einem Meter treffen kann, sprechen die Resultate für sich», sagt «Vakhabit».

Auf einmal beginnen die Männer, die noch nicht startklaren Drohnen mit riesigen Tarnnetzen abzudecken. Laptops werden zugeklappt, Gebüsch aufgerichtet, «feindliche Drohnen», heisst es.

In einem Erdbunker warten alle ab und scherzen etwas. Im Leben davor waren sie Mechatroniker, Computer- und IT-Nerds, auch ein technikaffiner Barman mit gleichnamigem Callsign ist darunter. Es gibt bald Entwarnung, wenig später wiederholt sich alles noch einmal.

Als alle Motoren getestet und Navigationssysteme kalibriert sind, heben jeweils drei Soldaten die 160-Kilo-Flieger einen nach dem anderen auf ein Katapult.

«Sie fliegen mit etwa 130 km/h. Nach einer bestimmten Zeit aktivieren sich die Sprengköpfe», erklärt einer der Programmierer. «Das machen wir aus Sicherheitsgründen. Auch bei einer Handgranate will man möglichst weit weg sein, wenn der Stift einmal gezogen ist», heisst es.

Die Crew bringt sich in Sicherheit, der Captain sprintet als Letzter weg, Sekunden, bevor sie knatternd in den Sternenhimmel geschleudert werden und verschwunden sind.

Welche Ziele die vier «Zozulia» anfliegen, bleibt geheim. Sie lägen in den russisch besetzten Gebieten hinter der Südfront, heisst es lediglich. Zehn Tage später wird vieles klarer.

Die Zozulia wird in den Himmel katapultiert.20 Minuten/ Ann Guenter

Die vier Zozulia-Kamikazedrohnen gehörten zur Operation «Schwarzer Vogel». Diese war Teil einer noch laufenden Mittelstrecken-Kampagne gegen die russische Energieversorgung und Logistikrouten zur Krim. Nach Einschätzung des britischen Thinktanks RUSI führen diese Angriffe zu merklichen Verzögerungen im militärischen und zivilen Güterverkehr.

Zwei Drohnen wurden von der russischen Luftabwehr abgefangen. Die dritte habe im besetzen Teil des Oblast Saporischschja eine Kommandozentrale zerstört, die vierte eine Umspannstation, die nach ukrainischen Angaben russische Radare, Drohnenbatterien, Systeme der elektronischen Kampfführung und Starlink-Störsender mit Strom versorgte. «Zwei direkte Treffer. Aufgabe erfüllt», meldet Major Mykola Kolesnyk, der hünenhafte Kommandant des 422. Drohnenregiments.

«Trifft man Treibstofflager und Logistik, fehlen eine Zeit lang neue Lieferungen. Die Folgen spüren wir jeweils eine Woche oder sogar zehn Tage lang», sagt der Kommandant mit Kampfnamen Tyson. «Krieg braucht sehr viel Energie – in jeder Form. Wenn die Russen Probleme mit Energie und Treibstoff haben, beeinträchtigt das ihre gesamte militärische Arbeit.»

Bei der Operation sind laut dem Regiment keine Zivilpersonen zu Schaden gekommen. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Angabe nicht. Man achte schon bei der Planung darauf, zivile Opfer zu vermeiden, versichert Kommandant Kolesnyk. «Die Mehrheit in den besetzten Gebieten sind Menschen, die einfach nur leben und überleben wollen. Sie sind definitiv nicht unsere Feinde.»

Behind-the-Scenes

20 Minuten reiste im September für rund zwei Wochen über Moldawien in die Ukraine. Neben der Hafenstadt Odessa und der Hauptstadt Kiew besuchten wir auch Saporischschia, eine Frontstadt im Südosten, um mehr über die Lage an der südlichen Front zu erfahren. Hier trafen wir zum Kaffee und Gespräch zunächst Major Mykola Kolesnyk, den Kommandanten des 422. Selbstständigen Regiments unbemannter Systeme «Luftwaffe».

Kolesnyk erteilte die finale Bewilligung, eine seiner Einheiten bei einem Einsatz mit der Zozulia-Drohne zu begleiten. Interviews mit den Männern, Fotos und Videoaufnahmen waren dabei erlaubt, einzig die Computerbildschirme mit dem Missionsgebiet durften nicht gezeigt werden. Text und Aufnahmen mussten, wie bei solchen Einsätzen üblich, vor Veröffentlichung dem Regiment vorgelegt werden.

Ann Guenter

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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