«Solange das weitergeht, wird das Russland wehtun»

- Bis zu 45 Prozent der russischen Raffineriekapazität setzten ukrainische Angriffe zeitweise ausser Betrieb.
- Parallel dazu zielt die Ukraine mit Mittelstrecken-Drohnen auf Nachschub und Infrastruktur hinter der Front.
- Russland muss Transporte umleiten, Konvois schützen und zusätzliche Abwehrmittel einsetzen.
- Die USA sollen zwischenzeitlich ihr militärisch wichtiges Satelliteninternet gedrosselt haben. Laut ukrainischem Militär beeinträchtigt das unter anderem auch seine Mittelstreckenkampagne.
Mit Mittelstrecken-Drohnenangriffen will die Ukraine russische Nachschubwege in den besetzten Gebieten im Süden unterbrechen. Die Kampagne läuft seit Monaten und richtet sich gegen Ziele bis 300 Kilometer hinter der Front: Lastwagen, Bahn- und Strassenverbindungen sowie die Übergänge zur Krim. Auch die Operation «Schwarzer Vogel», bei der 20 Minuten das 422. Drohnenregiment «Luftwaffe» begleitete, war Teil davon.
«Die Mittelstrecken-Angriffe schalten nicht in erster Linie Personal aus, sondern Logistik und Transport, um die russischen Truppen zu schwächen, bevor sie an der Frontlinie ankommen», sagt Fabian Hoffmann vom Norwegian Institute for Defence Studies. «Solange die Midrange-Strike-Angriffe auf Nachschub und Infrastruktur der russischen Truppen hinter der Front weitergehen, wird das Russland wehtun.»
Spürbare Folgen
Die Angriffe verursachten laut einer Analyse des britischen Thinktanks RUSI spürbare Verzögerungen im militärischen und zivilen Güterverkehr. Demnach zwangen koordinierte Drohnenangriffe gegen die R-280 – eine russische Fernstrasse von der Region Rostow durch die besetzten Gebiete der südöstlichen Ukraine bis zur Krim – Russland zu Umwegen und langen, verwundbaren Konvois. Transporte hätten umgeleitet und zusätzliche Abwehrmittel weit hinter der Front eingesetzt werden müssen.
Dass solche Angriffe auch Vorstösse am Boden vorbereiten können, zeigt die Operation Vivaldi im Donbass. Nach Angaben des Institute for the Study of War waren vorbereitende Operationen und Mittelstreckenangriffe mitverantwortlich dafür, dass die russischen Fähigkeiten in der elektronischen Kriegsführung geschwächt und ukrainische Vorstösse ermöglicht wurden.
Russlands Jetdrohnen im Wettlauf vorne – als nächste Stufe
Ein dauerhafter Vorteil im Drohnenkrieg ist damit allerdings nicht gesichert. «Es läuft weiter ein Wettlauf von Innovation, Gegeninnovation und Anpassung», sagt Ivo Capaul vom Center for Security Studies der ETH Zürich. «Eine Seite findet vorübergehend eine Lücke, die andere reagiert mit Störung, Luftabwehr oder einem neuen System.» Entsprechend seien die Mittelstrecken-Angriffe wichtig, für sich allein aber nicht kriegsentscheidend.
In diesem Wettlauf setzt Russland inzwischen auch auf schnelle, schwer abzufangende Jetdrohnen. Sie seien «die nächste Entwicklungsstufe – zumindest von russischer Seite», sagt Capaul. Bei den Düsendrohnen für den Mittelstreckenbereich gebe es in der Ukraine «im Moment keine klar erkennbare gleichwertige Lösung».
Zwar setze auch die Ukraine Jet-Antriebe ein, «etwa für weitreichende Flugkörper und Abfangdrohnen», sagt Fabian Hoffmann. «Doch die Ukraine stellt diese Jet-Antriebe nicht selber her, zumindest nicht in der Masse, und so sind sie teuer und schwierig zu beschaffen.»
45 Prozent von Russlands Raffineriekapazität
Parallel zu den Mittelstreckenangriffen gegen ihre besetzten Gebiete führt die Ukraine eine Langstrecken-Kampagne gegen Raffinerien tief in Russland. Diese Angriffe haben nach Schätzungen der «Financial Times» zeitweise bis zu 45 Prozent der russischen Raffineriekapazität ausser Betrieb gesetzt.
Auf der anderen Seite bleibt die ukrainische Kriegsführung und Verteidigung stark von ausländischer Infrastruktur abhängig, wie sich diese Woche wieder zeigte. Ukrainischen Angaben zufolge wurde ohne Vorwarnung ein Tempolimit für Starlink-Terminals etabliert. Für etwa einen Tag hätten Flugobjekte ihre Verbindung verloren, wenn sie sich schneller als 160 Kmh bewegten. Damit seien Einsätze sowohl bei den eigenen Angriffen als auch bei der Abwehr russischer Drohnen gescheitert.
«Einfach so passiert»
Das Weisse Haus und Elon Musk, der Besitzer der Betreiberfirma SpaceX, haben Vorwürfe einer gezielten Funktionseinschränkung zurückgewiesen. Zuletzt äusserte sich US-Aussenminister Marco Rubio: «Niemand im Weissen Haus hat irgendjemanden angewiesen, das Internet zu drosseln oder die Übertragungsgeschwindigkeiten zu verringern, damit bestimmte Drohnen es nicht nutzen können».
Er liess er offen, was die Probleme verursacht haben könnte: «Es ist einfach so passiert».
Zu den Experten
Dr. Fabian René Hoffmann ist Militärexperte und Senior Researcher am Norwegian Institute for Defence Studies. Er forscht unter anderem zu Nuklearstrategien, europäischer und transatlantischer Verteidigungs- und Abschreckungspolitik und betreibt zudem den bekannten Fachblog Missile Matters.
Ivo Capaul ist Researcher im Team Verteidigungspolitik und Rüstung am Center for Security Studies der ETH Zürich. Er forscht zu Militärstrategie und militärischer Doktrin in asymmetrischen Konflikten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Drohnenkriegsführung, hybrider Kriegsführung und deren Folgen für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
