Silvi täuscht Kinderwunsch vor – erst dann nimmt Arzt sie ernst

«Ich dachte, ich muss einfach nur den richtigen Arzt oder die richtige Ärztin finden. Dabei muss ich einfach nur meine potenzielle Gebärwilligkeit beweisen.» Mit diesem Fazit sorgt die deutsche Content Creatorin und Spiegel-Bestsellerautorin Silvi Carlsson für Diskussionen.
Eigentlich möchte sie aktuell keine Kinder. Als Carlsson während eines Arzttermins doch einen Kinderwunsch äussert, schlägt die Behandlung eine andere Richtung ein: Plötzlich werden Blutwerte untersucht, Beschwerden genauer unter die Lupe genommen und eine Überweisung an eine Fachärztin ausgestellt.
Die Psychologiestudentin leidet unter anderem an Hashimoto-Thyreoiditis, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Zuvor habe sie sich mit ihren Beschwerden jahrelang nicht ernst genommen gefühlt. Erst als die 34-Jährige einen Kinderwunsch erwähnt habe, sei die Reaktion gewesen: «Da müssen Sie sich aber jetzt mal sputen.»
Was ist Hashimoto-Thyreoiditis?
Bei der Hashimoto-Thyreoiditis greift das eigene Immunsystem die Schilddrüse an. Dadurch kann eine Unterfunktion entstehen. Laut Universitätsspital Zürich sind in Mitteleuropa schätzungsweise bis zu zehn Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer. Die Erkrankung bleibt teilweise lange unentdeckt. Mögliche Beschwerden sind laut USZ:
- Müdigkeit
- Konzentrationsprobleme
- Gewichtszunahme
- Kälteempfindlichkeit
- Trockene Haut
- Zyklusveränderungen
- Unerfüllter Kinderwunsch
Entwickelt sich eine Unterfunktion, kommen meist Schilddrüsenhormone zum Einsatz. Bei gut eingestellter Therapie könnten Betroffene «ein normales Leben ohne relevante Einschränkungen führen», so das USZ.
In den Kommentaren häufen sich ähnliche Geschichten
Mit ihrer Erfahrung ist Silvi nicht alleine. Frauen erzählen in Kommentaren unter dem Video von ähnlichen Erfahrungen: «Jahrelang wurde mir verweigert, meine Eisenwerte zu checken, obwohl ich offensichtlich einen Mangel hatte, weil alle Symptome da waren», schreibt eine Userin. Erst als sie erzählt habe, erfolglos schwanger werden zu wollen, sei sie umfassend untersucht worden.
Auch Endometriose, PCOS und jahrelang nicht abgeklärte Beschwerden tauchen in den Kommentaren auf. Eine Nutzerin schreibt, sie habe aus Verzweiflung einen unerfüllten Kinderwunsch vorgegeben. Daraufhin habe sie Blut- und Hormonuntersuchungen sowie drei Überweisungen erhalten.
Carlsson überraschten die Reaktionen nicht, wie sie gegenüber 20 Minuten erzählt. «Ich habe damit gerechnet und es deswegen genauso transportiert.» Berührt hätten sie die zahlreichen Erfahrungsberichte trotzdem.
Hast du dich bei einer medizinischen Untersuchung schon einmal nicht ernst genommen gefühlt?
Von der Erfahrung zum vermeintlichen Lifehack
Zwischen Wut und Sarkasmus wird Carlssons Erfahrung in den Kommentaren kurzerhand zum vermeintlichen Lifehack. «Probier ich mal aus», schreibt Comedian Ines Anioli. Eine andere kündigt an: «Werde Trick testen und berichten.»
Ganz ohne Gegenwind bleibt das Video nicht. In einem zweiten Video erzählt Carlsson, eine Ärztin habe ihr geschrieben, ihre Aussage sei «populistisch, medizinisch verkürzt» und mache unnötig Angst. Carlsson widerspricht: Sie habe nicht dazu aufgerufen, einen Kinderwunsch vorzutäuschen, sondern ihre eigene Erfahrung geschildert.
Für Carlsson zeigen die vielen Berichte ein grundsätzliches Problem. «Medical Gaslighting ist ein grösseres Thema, als die meisten von uns annehmen», sagt sie. Dass ein Kinderwunsch die Bedingungen so stark verändern könne, zeige aus ihrer Sicht, «wie wenig ernst Frauen doch genommen werden, wenn es einfach nur um sie selbst als Menschen geht».
Was ist Medical Gaslighting?
Von Medical Gaslighting spricht man, wenn medizinisches Fachpersonal Beschwerden von Patientinnen und Patienten herunterspielt, anzweifelt oder nicht ausreichend ernst nimmt. Betroffene können dadurch das Gefühl bekommen, ihre Symptome seien eingebildet oder übertrieben. Der Begriff beschreibt ein Phänomen und ist keine medizinische Diagnose.
Kinderwunsch verändert die medizinische Fragestellung
Doch lässt sich aus zusätzlichen Untersuchungen schliessen, dass Frauen vorher weniger ernst genommen wurden? Fachpersonen ordnen Carlssons Erfahrung gegenüber 20 Minuten ein.
«Ja, ein Kinderwunsch kann beeinflussen, welche Untersuchungen gemacht werden. Und das hat einen medizinischen Grund», sagt die Gynäkologin Nadja Pauli. Bei einer geplanten Schwangerschaft kommen spezifische Abklärungen hinzu, etwa zu Eisprung, Hormonwerten, Impfschutz, Eisenwerten oder Medikamenten.
Über die Expertin
Gynäkologin kann den Eindruck nachvollziehen
Dass Patientinnen deshalb das Gefühl bekommen können, mit Kinderwunsch plötzlich ernster genommen zu werden, kann Dr. Pauli nachvollziehen. «Von aussen sieht es tatsächlich so aus, als würde plötzlich viel mehr gemacht werden.»
Nicht jede geschilderte Erfahrung lasse sich damit abtun, dass bei Kinderwunsch schlicht andere Untersuchungen nötig seien. Beschwerden von Frauen seien in der Medizin lange unterschätzt worden, sagt Dr. Pauli, insbesondere Schmerzen. Bei Erkrankungen wie Endometriose dauere es noch immer mehrere Jahre bis zur Diagnose.
Beschwerden brauchen keinen Kinderwunsch
Hinzu kommt die Kostenübernahme. Bei Kinderwunsch könne eine medizinische Indikation bestehen und die Krankenkasse zusätzliche Abklärungen übernehmen. «Der Kinderwunsch wird so gewissermassen zum Schlüssel für die Abklärung», sagt Dr. Pauli.
Das bedeute aber nicht, dass Frauen einen Kinderwunsch angeben müssten, damit Beschwerden untersucht werden: Auch die Abklärung von Beschwerden und Schmerzen gehört laut Dr. Pauli zu den Leistungen der Grundversicherung.
Für Carlsson liegt das Problem nicht allein darin, welche Untersuchungen bei Kinderwunsch zusätzlich medizinisch sinnvoll sind. Sie fordert, dass die Medizin mögliche Benachteiligungen stärker anerkennt. Nötig seien konkrete Veränderungen: «Zuhören, Beschwerden sorgfältig abklären und die eigenen Vorannahmen hinterfragen.»
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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