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Thursday, August 27, 2026

UNO-Jahr der Hirten – Hirtenleben in der Schweiz und in Uganda unter Druck

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Seit Jahrtausenden halten die Menschen weltweit Nutztierherden, beweiden damit Flächen und pflegen so die Kulturlandschaften. Wissen und Tradition wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Lebensweise ist heute aber auch geprägt von neuen Herausforderungen. Die UNO hat das Jahr 2026 zum internationalen Jahr der Weiden und Hirten erkoren. Ein Besuch an zwei Schauplätzen zeigt, was das Hirtendasein heute ausmacht und welche Probleme es zu bewältigen gilt.

Warum die UNO Hirtinnen und Hirten ins Zentrum stellt

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Zwei Personen und ein Hund treiben eine Gruppe Kühe auf einem Feldweg an.
Legende: Hirtenkinder in Karamoja: Ihre Lebensweise steht weltweit zunehmend unter Druck. SRF/Sarah Fluck

Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und der Hirtinnen und Hirten erklärt. Damit wollen sie auf eine Lebensweise aufmerksam machen, die weltweit rund 500 Millionen Menschen ernährt, politisch aber oft wenig Beachtung findet.

Doch Klimawandel, Ackerbau, Siedlungen und geschlossene Wanderrouten setzen sie zunehmend unter Druck. Das UNO-Jahr fordert deshalb bessere Landrechte, offene Zugänge zu Wasser und Weiden sowie mehr politische Mitsprache für die betroffenen Gemeinschaften.

Ein UNO-Jahr schafft keine Gesetze und bringt nicht automatisch Geld. Aber, es bündelt ein Jahr lang Forschung, Konferenzen, Kampagnen und Projekte. So sollen Politik und Öffentlichkeit hinschauen, Mittel mobilisiert und Massnahmen angestossen werden: bessere Landrechte, freie Wanderrouten sowie Zugang zu Wasser, Tiermedizin und Märkten.

Erich Betschart auf der Charetalp (SZ)

Auf der Charetalp im Kanton Schwyz oberhalb von Muotathal blickt Erich Betschart in die weitläufige Berglandschaft. Nur über einen Wanderweg gelangt man in etwa 1.5 Stunden von der Bahnstation Glattalp hierher. «Hier um uns herum müssten rund tausend Schafe weiden», erklärt Erich Betschart. Er hütet hier auf rund 1900 Metern über Meer im Sommer neben den Schafen auch 70 Ziegen und ein paar Rinder.

Person mit Rucksack und Wanderstock auf einem Bergpfad mit felsiger Landschaft.
Legende: Erich Betschart wurde das Alpleben in die Wiege gelegt: Erstmals auf der Alp war er mit seinen Eltern als zwei Wochen alter Säugling. SRF/Livia MIddendorp

Die Sonne brennt, die Schafe liegen im Schatten. Doch Erich Betschart sieht, dass ihnen noch wohl ist. Um 4:30 Uhr steht Erich Betschart jeden Morgen auf und dreht seine erste Runde. Bei über tausend Schafen ist meist etwas, eine vertretene Klaue etwa, bei dem steinigen Gelände. Durch den täglichen Kontakt kennt er die Tiere gut, erkennt viele an ihrem Charakter: «Hier auf der Weide, wo sie sich verteilen und fressen, kann man die Tiere schon zuordnen.»

Erich Betschart ist 42 Jahre alt. Als zwei Wochen alter Säugling war er erstmals auf der Alp. Das Alpleben wurde ihm wortwörtlich in die Wiege gelegt. «Das ist angeboren. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Ich hatte auch Glück, dass ich eine Frau gefunden habe, die das alles mitmacht.» Derzeit sehe es so aus, als seien die Kinder motiviert, einmal selbst weiterzumachen. Zwingen könne man sie aber nicht. «Man muss mit Freude dabei sein, sonst geht es nicht.»

Die Arbeitstage sind lang und körperlich anspruchsvoll. In der Alpwirtschaft ist der Personalmangel gross: die harte Arbeit, der tiefe Lohn – und dazu ist die Saisonalität oft schwer vereinbar mit anderen beruflichen Tätigkeiten.

Während die Trockenheit vielerorts in den Alpen ein riesiges Problem ist und es an Wasser und Futter fehlt, hat es auf der Charetalp von beidem noch genug. Doch Schläuche legen und Tränken einrichten ist aufwendig. Es kommt auch mal der Helikopter zum Einsatz.

Man kann keine Beziehung zu den Tieren aufbauen, wenn man sie mit der Drohne überwacht.

«Man kann sich der modernen Technik auf der Alp nicht ganz verschliessen», sagt Erich Betschart, der auch mit GPS-Ortung oder Drohnen arbeitet: «Man muss es verbinden, das Innovative und das Traditionelle.» Denn alles könne die moderne Technik nicht ersetzen: «Man kann keine Beziehung zu den Tieren aufbauen, wenn man sie mit der Drohne überwacht. Es braucht den persönlichen Kontakt, so kann man sie auch im Gebiet halten.»

Durch das Gebiet verläuft ein 7.5 Kilometer langer, mit Strom geladener Zaun. Er soll die Herde vor dem Wolf schützen. «Es ist schon extrem, wie viel Material wir hier hochschleppen, um die Schafe vor dem Wolf zu schützen.» Noch gab es keinen Angriff, doch Erich Betschart rechnet damit, dass der Wolf irgendwann auch bis hierher kommt. Auch das halte ihn nicht davon ab, mit den Tieren auf die Alp zu kommen. «Ältere haben eher Mühe damit.»

Das Leben der Betscharts auf der Charetalp

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  • Bild 1 von 5. In der Charetalphütte lebt die Familie Betschart während der Sommerwochen. Bildquelle: SRF/Livia Middendorp.

  • Bild 2 von 5. Die Betscharts stellen selbst Schaf- und Ziegenkäse her und verkaufen diesen unter anderem auch direkt auf der Alp. Bildquelle: SRF/Livia Middendorp.

  • Bild 3 von 5. Neben rund tausend Schafen und ein paar Rindern kümmert sich Erich Betschart auch um etwa 70 Ziegen. Bildquelle: SRF/Livia Middendorp.

  • Bild 4 von 5. Die Charetalp im Kanton Schwyz ist nur zu Fuss erreichbar. Bildquelle: SRF/Livia Middendorp.

  • Bild 5 von 5. Das Gelände auf der Charetalp ist steinig. Schafe können sich auch mal eine Klaue vertreten. Bildquelle: SRF/Livia Middendorp.

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Würde Erich Betschart mit den Tieren im Sommer nicht mehr hierhin kommen, würde die Landschaft verbuschen. Nur wenn sie regelmässig beweidet wird, bleibt sie für die Menschen nutzbar und die biologische Vielfalt erhalten.

Mit den Herden durch die Provinz Karamoja (Uganda)

Vor Kotido, im Nordosten Ugandas, zieht eine Reihe von Rindern durch gelbes Buschland. Staub steigt zwischen den Klauen auf. Wo noch Gras wächst, wo eine Wasserstelle nicht versiegt ist, dorthin führt der Weg. Anders als in der Schweiz kommt das Wasser nicht zur Herde. Die Herde muss zum Wasser. Bewegung ist keine Unruhe. Sie ist Landwirtschaft.

Nganga Samuel Lokonyeneberu hat sein Leben nach dieser Bewegung eingerichtet. Er ist 65, gross und hager, mit einem grünen Stoff um die Hüften. 208 Rinder besitzt er. In der Provinz Karamoja macht ihn das zu einem wohlhabenden Mann.

Nur sieht Lokonyeneberu seine Tiere fast nie als eine einzige Herde. 58 weiden hier, 60 dort. Einige bleiben bei den Kindern, drei bei seiner hochbetagten Mutter. Für die Milch. «Sie sollen nicht alle gleichzeitig sterben», sagt er.

Lokonyeneberu verteilt nicht einfach Tiere. Er verteilt Risiko. Er weiss, wo Wasser bleibt, welche Weide noch trägt, wo Krankheiten umgehen und wann man weiterziehen muss.

Die Tiere sind die Bank der Karamojong.

Sein wertvollster Bulle heisst Hanguria. Lokonyeneberu hat ihn nach seinem Fell benannt. Jeder seiner Bullen trägt einen Namen. «Die Tiere sind die Bank der Karamojong», sagt er. Der Menschen, die dieser Region ihren Namen geben. Die Rinder geben Milch, pflügen Felder, lassen sich verkaufen, wenn Geld fehlt. Vermögen, Nahrung, Sicherheit. Doch diese Bank lebt vom Regen.

Karamoja: Wo das Vieh den Takt vorgibt

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  • Bild 1 von 4. Wasser täuscht über die Krise hinweg: 2026 war der Regen in Karamoja so unzuverlässig, dass bis Ende Juni vielerorts bis 70 Prozent der Ernte verloren waren. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 2 von 4. Nganga Samuel Lokonyeneberu zeigt eine Zecke, einen der Parasiten, die seine Rinder schwächen können. Mit der Trockenheit verschärfen sich weitere Konflikte: Selbst Elefanten kommen näher an die Siedlungen, weil Wasser und Futter knapper werden. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 3 von 4. Nganga Samuel Lokonyeneberu beim Melken. «In Karamoja ist Milch das Wichtigste. Sie lässt einen Menschen länger leben», sagt er. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 4 von 4. Bunte Hüte gehören in Karamoja zum Strassenbild. Traditionell schmückten Männer sie mit Straussfedern. Heute sind sie vor allem praktischer Sonnenschutz und persönlicher Stil. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

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Dieses Jahr kam der Regen spät und spärlich. Wasserstellen trockneten aus. Drei Rinder hat Lokonyeneberu durch Dürre und Krankheiten verloren. Seine Antwort darauf ist dieselbe wie seit Generationen: weiterziehen.

Gerade jetzt wird dieses Wissen kostbarer. Und gleichzeitig unsicherer, wer es noch brauchen wird.

Das Wissen ist noch da. Ich habe es von meinen Eltern gelernt. Nur die Kühe sind weg.

Auf dem Viehmarkt von Kotido läuft Abram Lokwap zwischen den Rindern anderer Leute. Der 25-Jährige weiss noch immer, welches Tier gesund ist und welches Geld bringen könnte. «Das Wissen meiner Eltern über die Rinder ist geblieben», sagt er. Nur die Kühe sind weg.

Als Kind, erzählt Lokwap, habe er die Milch der eigenen Kühe getrunken, ohne je daran zu denken, dass sie eines Tages nicht mehr da sein könnten. Aber dann rafften Krankheiten Tiere dahin, andere wurden geraubt. Bei einem nächtlichen Angriff von Viehhirten wurde sein Bruder getötet. Lokwap entkam. Eine Narbe von seiner Flucht zieht sich bis heute über sein Bein.

Heute lebt Lokwap von dem, was sich findet: Tiere vermitteln, Ziegel legen. «Ich suche einfach nach Wegen, zu überleben», sagt er. An diesem Mittwoch soll er 2000 ugandische Schilling bekommen, falls sich das Schaf verkaufen lässt. Es findet keinen Käufer. Lokwap geht ohne Verdienst nach Hause.

Auf dem Viehmarkt von Kotido

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  • Bild 1 von 6. Was auf dem Viehmarkt von Kotido keinen Käufer findet, wird wieder verladen. Manche Tiere sind aus der rund 450 Kilometer entfernten Hauptstadt Kampala gekommen, andere aus den Nachbarländern Kenia und Südsudan. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 2 von 6. Am Rand des Viehmarkts verkaufen Frauen Bohnen, Erbsen, Hirse, Sorghum und Erdnüsse. Vieh ist in Karamoja zentral, doch viele Familien leben zugleich vom Ackerbau. Bildquelle: SRF/John Oryang.

  • Bild 3 von 6. Der teuerste Bulle an diesem Markttag in Kotido. Sein Preis: rund 3.15 Millionen ugandische Schilling, etwa 676 Franken. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 4 von 6. Auf dem Viehmarkt von Kotido wird der Preis nicht angeschrieben, sondern ausgehandelt. Käufer und Verkäufer prüfen die Tiere, vergleichen, feilschen und einigen sich oft erst nach längerem Hin und Her. Bildquelle: SRF/John Oryang.

  • Bild 5 von 6. Diese Männer verkaufen Seile, mit denen die Tiere geführt und festgebunden werden. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

  • Bild 6 von 6. Jeden Mittwoch wird auf dem Viehmarkt von Kotido von etwa acht bis elf Uhr gehandelt. Danach leert sich der Platz rasch, in der Trockenzeit wird die Hitze zu stark. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.

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Zurück zu einer eigenen Herde will er nicht. Zu gut weiss er inzwischen, wie schnell ein Vermögen auf vier Beinen verschwinden kann. Auch für seine Kinder hat Lokwap deshalb einen anderen Plan: «Wenn sie gross sind, müssen sie studieren.» Nicht mit den Tieren fortziehen. Nicht dieselbe Unsicherheit erben.

Auch bei Lokonyeneberu reisst die Kette. Traditionell wäre es sein ältester Sohn, der einmal Verantwortung für Herde und Wissen übernimmt. Doch ihn interessiert dieses Leben nicht. Nun wird wohl der mittlere Sohn nachrücken.

Noch steht Hanguria vor der Hütte. Noch singt Lokonyeneberu über seine Farbe, Kraft und seinen Namen. Das Lied findet einen Erben. Beim Wissen ist das weniger sicher.

Ob auf der Charetalp oder in Karamoja: Hirtenwissen lebt davon, dass es weitergegeben wird. Wie diese Lebensform in Zukunft aussieht, entscheidet deshalb nicht nur das Klima. Sondern auch, ob die nächste Generation bereit ist, mit den Tieren weiterzugehen.

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