So hast du Marco Odermatt wohl noch nicht gesehen

Trainer konnte es kaum glauben
So hast du Marco Odermatt noch nicht gesehen
Vor zehn Jahren holte Marco Odermatt in Sölden (Ö) seine ersten Weltcuppunkte. Bevor der Superstar vom Vierwaldstättersee am kommenden Sonntag auf dem Rettenbachferner sein 200. Weltcuprennen bestreiten wird, erinnert sich sein Coach an den ungewöhnlichen Beginn.
Publiziert: vor 15 Minuten
Marcel W. PerrenReporter Sport
Dass der erste Eindruck oft gewaltig täuscht, belegt das erste Kapitel der Geschichte von Marco Odermatt und seinem Erfolgstrainer Helmut Krug. Es war im Winter 2016, als der aus Österreich stammende Krug in seiner damals neuen Funktion als Schweizer Riesenslalom-Coach mit seinen Schützlingen auf dem selektiven Rennhang in der Lenzerheide trainierte. «Gino Caviezel war damals in einer richtig guten Form», erinnert sich der mittlerweile 63-Jährige. Vor der ersten Einheit im Bündnerland bat Cheftrainer Tom Stauffer seinen Riesen-Chef, den jungen Marco Odermatt mittrainieren zu lassen. «Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar schon etwas von diesem Odermatt gehört, aber gesehen hatte ich ihn noch nie», erzählt Krug.
Deshalb musste der Tiroler ein paarmal leer schlucken, als er im Mannschaftshotel dem Neuling begegnete. «Er sah ganz anders aus, als ich mir das vorgestellt habe. Er hatte lange Haare. Deshalb habe ich mich in diesem Moment gefragt, ob wirklich der Odermatt vor mir steht, oder ob es sich hier um eine Verwechslung handelt», gesteht Krug grinsend. Aber der langhaarige Jüngling war tatsächlich Odermatt.
Erstaunlicher Einstand
Es hat jedoch nicht lange gedauert, bis sich die Skepsis des Trainers in Begeisterung verwandelt hat. «Obwohl die Bedingungen nicht einfach waren, konnte der damals erst 18-jährige Marco sehr schnell mit den wesentlich routinierteren Athleten mithalten. Auf Gino hat er knapp zwei Zehntel verloren.» Der Rest dieser Geschichte dürfte den meisten bekannt sein. In der Zwischenzeit hat der einstige Ski-Hippie aus dem Kanton Nidwalden 54 Weltcup-Triumphe, fünf Gesamtweltcupsiege, drei Weltmeistertitel, drei Olympiamedaillen und elf kleine Kristallkugeln eingefahren.
Odermatt macht deutlich, dass Coach Krug einen grossen Anteil an diesen gigantischen Erfolgen hat: «Heli kann dir fast immer genau das geben, was du als Athlet brauchst.» Der Riesenslalom-Olympiasieger von 2022 setzt seine Lobeshymne auf seinen Übungsleiter fort: «Wir haben in den letzten Jahren meistens exakt die Trainingsbedingungen erhalten, die wir benötigt haben. Das liegt natürlich auch an den finanziellen Mitteln von Swiss-Ski, aber zu einem sehr grossen Teil ist es das Verdienst von Heli. Er trifft im Umgang mit dem Personal in den Skigebieten genau den richtigen Ton. Er haut auch mal auf den Tisch, wenn etwas nicht passt. Aber selbst in harten Diskussionen bleibt Heli immer konstruktiv.»
Der erfreuliche Irrtum
Krug hat bereits vor der Zusammenarbeit mit dem Ausnahmeathleten Odermatt eine aussergewöhnliche Karriere gemacht. Nach seinem ersten Trainerengagement an einer Ski-Hauptschule wollte der Mann aus der Region Seefeld eigentlich in einer anderen Sportart Akzente setzen. «Ich habe mich bei der Firma Head für die Entwicklung eines revolutionären Tennisschuhs beworben.» Aber unmittelbar nach dem Bewerbungsgespräch in Vorarlberg wurde Krug vom damaligen ÖSV-Speedchef Kurt Engstler abgefangen. «Engstler wollte mich unbedingt als Co-Trainer verpflichten. Aber weil ich ja damals lediglich ein Schülertrainer war, konnte ich mir nicht vorstellen, mit Olympiasiegern wie Patrick «Faxe» Ortlieb oder Leonhard Stock zusammenzuarbeiten.»
Letztendlich nahm Krug dieses Angebot dann aber doch an. Als Co-Trainer von Engstler war der «Heli» nicht zuletzt für das Riesenslalom-Training der Abfahrer zuständig. «Ich habe damals vor jeder Speed-Einheit einen ordentlich drehenden Riesen gesetzt. Patrick Ortlieb war fast immer der Schnellste. Obwohl er 116 Kilo auf die Waage gebracht hat, fuhr er fast wie ein Wiesel um die Tore. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass ich nie mehr einen Athleten trainieren werde, welcher an den Faxe herankommt.»
«Das wird es wohl nie mehr geben»
Heute ist sich Krug bewusst, dass er sich damals geirrt hat. «Marco Odermatt verkörpert das genialste Paket für den Skirennsport. Einen kompletteren Skirennfahrer als Marco wird es wahrscheinlich nie mehr geben.»
Optimal ist die Vorbereitung auf die am kommenden Wochenende in Sölden beginnende WM-Saison aber nicht verlaufen. Nachdem Odermatt Ende August im Trockentraining eine kleine Muskelverletzung erlitten hatte, konnte er erst eine Woche später ins Trainingscamp nach Chile fliegen. Weil sich diese Blessur auch in der einen oder anderen Einheit in Südamerika bemerkbar gemacht hat, hatte Odermatt Anfang Oktober nicht so viele Riesenslalom-Tage in den Beinen, wie er sich das gewünscht hat.
In der letzten Woche hat der erfolgreichste Athlet in der Schweizer Ski-Geschichte auf der Diavolezza zusammen mit seinen Teamkollegen sehr gut trainiert. Und heute werden Odermatt und Co. genau eine Woche vor dem Weltcup-Auftakt über den Rennhang in Sölden carven. «Weil wir in den letzten Jahren nie vor dem Rennen auf dem Rennhang in Sölden trainieren konnten, freut sich nun bei uns jeder auf diese Einheit», hält Krug fest.
Die Chancen stehen gut, dass die freudige Stimmung im Schweizer-Lager über längere Zeit anhalten wird.
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